Straßenexerzitien

Mein freiwilliges Jahr

Neben den morgendlichen Bibelarbeiten und den vielfältigen Gottesdiensten ist das Hineinschnuppern in den Workshop „Straßenexerzitien“ mit Christian Herwartz SJ mein spirituelles Highlight des 100. Katholikentags in Leipzig.

Geistliche Übungen nach Ignatius von Loyola auf der Straße? Geht das? Keine Stille, kein Sich-Zurückziehen, keine Vorträge, nichts lesen… Wir sind ca. 70 Interessenten, wie weiland bei Lk. 10, 1-11. Frauen und Männer aller Altersgruppen. Christian Herwartz erläutert, was man über Exerzitien auf der Straße wissen muss. Er hat diese Form „erfunden“ und mit einem Team jahrelang in Berlin und anderswo ausprobiert. Normalerweise dauern Straßenexerzitien 7-10 Tage, mit spartanischer Unterbringung in Gemeindehäusern.

Was wir im Unterschied zum Bibeltext nicht machen: Wir müssen nicht zu Zweit gehen. Wir müssen keine Dämonen austreiben und keine Kranken heilen. (Warum eigentlich nicht? Das gehörte doch zum [Profil des frühen Gemeindelebens]. Die Jünger sollten schließlich nichts anderes machen, als Jesus selbst bei seinem Kommen.) Wir sollen nicht…

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Straßenexerzitien zur Ökumene der Märtyrer, Berlin

vom 29. März − 1. April 2015

2015 jährt sich das Martyrium von Helmuth James Graf von Moltke und Alfred Delp zum siebzigsten Mal. Der Vorsitzende des NS-Volksgerichtshofs Freisler verurteilte den Protestanten und den Jesuiten in einem gemeinsamen Urteil am 11. Januar 1945 zum Tod durch den Strang. Moltkes erst 2011 veröffentlichte Briefe aus der Haft werfen dabei ein besonderes Licht auf ihrer beider Tod. Moltke schreibt zwei Tage nach dem Urteil an seine Frau Freya:

Helmuth James Graf von Moltke

„… und dann wird dein Wirt [Moltke selbst] ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft zu Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurchsteht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher – das alles ist ausdrücklich in der Hauptverhandlung ausgeschlossen (…) – sondern als Christ und gar nichts anderes.“

Die in Kreisau begonnene fruchtbare ökumenische Auseinandersetzung fand im Gefängnis in Tegel ihre Fortführung: Moltke und Delp verbrachten die letzten Monate ihres Lebens zusammen mit anderen Zelle an Zelle in ökumenischer Lese-, Bet- und Gesprächsgemeinschaft: sie vereinbarten eine gemeinsame Schriftlesung, beteten mehrmals gemeinsam eine Novene, sie nutzten die kurzen Hofgänge zu intensivem theologischen Austausch, der auch den mitangeklagten evangelischen Theologen Eugen Gerstenmaier und den Katholiken Fugger von Glött einschloss. Nicht zuletzt verband sie die geistliche Mitfeier des Abendmahls.

Alfred Delp

… und wenn wir wieder draußen sind, wollen wir zeigen, dass mehr damit gemeint war und ist als eine persönliche Beziehung. Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weitertragen müssen. Aber es soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden. An die Eintopf-Utopien glaube ich so wenig wie Du, aber der eine Christus ist doch ungeteilt und wo die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser gelingen, als es unseren streitenden Vorfahren gelang.

Delp an Gerstenmaier, Kassiber am 31.12.1944

70 Jahre nach ihrem Märtyrertod laden wir ein, gemeinsam ihrem Vermächtnis nachzuspüren. Was hat ihre Ökumene, ihre Gemeinschaft damals ausgemacht? Was hat sie uns Christen beider Konfessionen heute zu sagen? Welche Impulse und Anstöße lassen wir uns heute geben? Was haben wir in der Ökumene seitdem übersehen bzw. nicht beachtet?

Zum Nachspüren wollen wir dem Zeugnis der Märtyrer in mehrfacher Weise begegnen. Wir wollen aus Briefen und Kassibern lesen, Bibelworte und Lieder auf uns wirken lassen. Vor allem aber wollen wir in Anlehnung an die Praxis der „Exerzitien auf der Straße“ die Orte ihres Lebens und Sterbens aufsuchen und zu uns sprechen lassen. Können Sie für uns persönlich zu „heiligen Orten“ werden, an denen wir unsere Schuhe ausziehen, wie Mose einst in der Wüste? Als Christen in ökumenischer Gemeinschaft werden wir an jedem Abend zusammenkommen, Gottesdienst feiern, und unsere Erfahrungen austauschen.

Wir, die InitiatorInnen dieser Exerzitien, kommen aus beiderlei Konfessionen. Wir wertschätzen, was ökumenische Gesprächen und Dialoge über die vergangenen Jahrzehnte geschaffen haben. Dabei ist viel Kluges gesagt und geschrieben worden. Doch theologische Dispute können manchmal mehr trennen als einen.

Daher initiieren wir dieses Experiment als Prozess mit offenem Ausgang. Wir wissen nicht, was dabei herauskommen wird, wenn Christen verschiedener Konfessionen, Laien und Amtsträger, sich gemeinsam darauf einlassen. Aber wir vertrauen darauf, dass etwas Neues entstehen kann, wenn wir uns mit offenem Herzen auf den Weg machen. Wenn wir uns darauf einlassen zu Hören, was uns Gottes guter Geist 500 Jahre nach der Reformation im Zeugnis der Märtyrer des 20. Jahrhunderts heute sagen will.

Wer sich für dieses Experiment interessiert, möge sich bei uns melden. Anregungen für die Durchführung sind ebenso willkommen wie Interessenten für die Teilnahme.

Zeit:
Beginn: 29.03. 2015, ab 18:00 Uhr
Ende: 01.04.2015, nach dem Mittagessen

Ort: Berlin

Unterkunft und Verpflegung:
Die Teilnehmenden organisieren sich Unterkünfte selber. Für Impulse, Gottesdienste, gemeinsames Essen und den Austausch treffen wir uns an einem Ort bzw. an jeweils zu vereinbarenden Orten. Für die gemeinsamen Mahlzeiten bitten wir um einen kleinen Beitrag (ca. 5-10 Euro) pro Person.

Raum für Treffen und Gottesdienste:
wird noch gesucht

Initiatorin und Initiatoren:
Kathrin Happe
Jörg Haas
Christian Herwartz
Klaus Mertes

Kontakt und Anmeldung: strassenexerzitien@kathrin-happe.de

Zur Anregung und Vorbereitung:
Artikel von Klaus Mertes: Ökumene der Märtyrer. Jesuiten, Juni 2014, S. 18

Ökumene der Märtyrer

Klaus Mertes SJ

In seiner Enzyklika „Tertio Millennio Adveniente“ schreibt Johannes Paul II.: „Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die Gemeinschaft der Heiligen spricht mit lauterer Stimme als die Urheber der Spaltung.“ (Nr. 37) Wenn das so ist – und es ist ja so –, warum wird dann im Land der Reformation nur so leise darüber gesprochen, dass in demselben Land, „Gott unter den Getauften die Gemeinschaft unter dem höchsten Anspruch des mit dem Opfer des Lebens bezeugten Glaubens“ aufrecht erhielt (vgl. Ut unum sint, Nr. 84). Wie kann man auf 1517 zurückblicken, ohne sich den Blick durch 1944/45 verstellen zu lassen?

Kurze Erinnerung an das besonders markante Beispiel der Märtyrer-Gefährtenschaft von Alfred Delp SJ und Helmuth J. von Moltke: Gemeinsam standen sie am 10. Januar 1945 vor dem Volksgerichtshof, der sie zum Tode verurteilte: da man ihnen nichts anderes nachweisen konnte als dies, dass sie miteinander im Kreisauer Kreis gesprochen hatten. Was die Gefährten aber am Prozessverlauf überraschte, war: Der Anklagepunkt wurde dahingehend präzisiert, dass sie als Christen miteinander über die Zukunft Deutschlands konferiert hatten. Seiner Frau Freya schreibt Moltke: „Und dann wird dein Wirt [„Wirt“ ist die übliche Selbstbezeichnung Moltkes in den Briefen an seine Frau] ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher – das ist alles ausdrücklich in der Hauptverhandlung ausgeschlossen –, sondern als Christ und als gar nichts anderes … Zu welch einer gewaltigen Aufgabe ist Dein Wirt ausersehen gewesen: All die viele Arbeit, die der Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzackkurven, die finden plötzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erklärung. Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war.“ Und er fügt in eindrucksvoller Souveränität hinzu: „Das hat den ungeheuren Vorteil, dass wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a. gemacht haben, und was b. sich lohnt.“

Das Jubiläum 2017 wäre eigentlich ein Anlass, diese beiden Texte radikal ernst zu nehmen. Eine „gewaltige Aufgabe“ entdeckt Moltke. Es ist nicht mehr die Aufgabe, Deutschland nach dem Krieg wieder aufzubauen, sondern die noch größere, die Konfessionsgrenzen durch das Martyrium zu überschreiten, letztlich also: Die Kirche neu aufzubauen. Dazu sieht er sich rückblickend „ausersehen“. Das ist biblischer Sprachstil, „passivum divinum“. Moltke, der mit seinen Gefährten in der Gefangenschaft intensiv die Bibel gelesen hat, kennt die Sprache der Bibel. Er deutet sein Todesurteil geschichtstheologisch: Gott handelt in diesem Prozess selbst. Er hat Moltke „ausersehen“. Er gibt den ganzen Jahren vorher bis hin zum Prozess„nachträglich einen Sinn, der verborgen war.“ Und dieser Sinn heißt: Ökumene. Für Moltke „lohnt“ es sich, dafür zu sterben. Das ist der innere Friede, die „ignatianische“ Tröstung im Heiligen Geist, welche die theologische Erkenntnis Moltkes bestätigt.

Glauben wir als Katholiken und Protestanten heute das, was Moltke da sagt? Wenn wir es glauben, dann hat das Konsequenzen. Dann ist das, was am 31.10.1517 in Wittenberg seinen sichtbaren Ausgang nahm, am 10.1.1945 in Berlin schon von Gott her überwunden worden. Wie kann man dann stehen bleiben und nicht eilends Schritte auf die volle Communio hinmachen wollen? Die Ökumene der Märtyrer jedenfalls ist die eigentliche theologische Herausforderung an die Christenheit heute.

Zuerst publiziert in  in Jesuiten 2/2014

Jahrestreffen der Exerzitien-BegleiterInnen in Dortmund

Am 7.-9. Febuar trafen sich in Dortmund ca. 40 Menschen, die als Begleiter von Exerzitien auf der Straße schon aktiv sind oder es noch werden wollen. Das Jahrestreffen fand in der Pfarrei St. Clement in Dortmund statt. Dank an Andreas und Katrin für die wunderbare Beherbergung, und an alle anderen, die mitgewirkt haben.

Am Rande hat einer uns auf der Straße ein paar Botschaften gesandt:

… in einem Fenster an der Straße …

In einem Fenster an der Straße

… an einem Lampenpfahl kurz danach …

Fundstück an einem Lampenpfahl in Dortmund