Exerzitien auf der Straße – Wahnsinn!!!!!!

Brigitte Reeb (August 2005)

Tja, ich sitze hier, hab keine Ahnung wo ich anfangen soll. Wie den Emausjüngern brennt mir das Herz, ich kann es kaum aushalten. Deshalb drängt es mich auch zu schreiben, obwohl dies nicht gerade zu meinen Stärken gehört.

Wenn ich recht überlege begannen diese Exerzitien bereits im Jahr 2000, da hörte ich zum ersten Mal von Juan davon. Ich war sehr neugierig und interessiert ,jedoch war mir klar und das sagte ich ihm auch, daß solche Exerzitien für mich nie in Frage kämen!“ Man sollte niemals nie sagen. (Als ich Juan im Juni erzählt habe, daß ich mich angemeldet habe, sagte er nur: „Ich wußte immer, daß du sie einmal machen würdest.“ Anscheinend kennen mich andre besser als ich mich selbst!?)

So ging es weiter! Erst war ich neugierig auf die Erzählungen von Alexander, der war vor 2 Jahren dabei, ebenso hat mich Gabriela sehr neugierig gemacht. Sie hat mich extra zu Hause besucht, um mich zu „werben“. Mal sehen, war meine Antwort. So Gott will und Gott wollte! Plötzlich stimmte der Termin, sogar genügend Urlaub stand mir zur Verfügung, so war ich dann bereit mich anzumelden! Natürlich nicht bevor ich mich noch einmal bei Andrea rück versicherte, ob das wirklich etwas für mich ist. Auf meine Anfrage kam prompt ihre Antwort. Die hat mir die Entscheidung leicht gemacht:

Du darfst alles, mußt nichts (na, zum Gruppengespräch sollte man nach Möglichkeit da sein.)

Was mich auch noch beeindruckt hat, daß alles so dastehen darf, wie es ist. Daß nichts bewertet wird, nichts zu unfromm ist, sondern einfach ist.

Also ich kann dir die Exerzitien auf der Straße nur empfehlen. Von dem bißchen, wie ich dich erlebt habe, kann ich mir gut vorstellen, daß die was für dich wären.

Ab diesem Zeitpunkt war für mich alles o.k. Ich hatte zwar Angst vor meiner eigenen Courage, aber ich wußte, ich werde nach Nürnberg gehen mit Angst und absoluter Unsicherheit, aber mit der Bereitschaft mich voll und ganz auf das einzulassen, was Gott mir in diesen Tagen schenken wird. Und dieser Gott hat mir so wahnsinnig viel geschenkt, daß ich es kaum aushalten kann – den anderen auch – für uns gab es in diesen Tagen nur ein Wort und das hieß: Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn und noch einmal Wahnsinn!!

Es gäbe soviel zu erzählen, aber ich glaube dann würde ein kleines Buch daraus, deshalb versuch ich mich nun auf das für mich Wesentlichste zu beschränken.

An einem der ersten Abende als wir uns ausgetauscht hatten, bekam ich von Andrea, der Jüngsten in der Gruppe, den Wunsch nach „Befreiung“ mit auf den Weg. Ebenso meinen Gottesnamen: Gott, der du mir Nahe sein willst. Ein Name, der aus meinen Sehnsüchten entstanden ist. Ich habe ihn irgendwann umgeändert auf „Gott der mir Nahe ist und mir Hoffnung schenkt.“

Mit „Befreiung“ konnte ich wenig anfangen, aber trotzdem hat dieses Wort mich beschäftigt.

Am Dienstag, nach einem Beichtgespräch bei Christian, hat dieser gemeint, ich sollte, wenn möglich, ohne Geld losziehen. Ohne zu wissen wohin ich gehen soll, hab ich meinen Rucksack gepackt. Erst Wasser in Flaschen abgefüllt, dann hab ich mir gedacht, so jetzt nimmst du noch ein trockenes Brot mit, für den Fall, daß du Hunger bekommst. Plötzlich war für mich alles klar, so ganz einfach – Wasser und Brot bedeuten für mich Gefängnis.

Da ich völlig orientierungslos war und bin, hab ich Juan um Hilfe gebeten. Siehe da ich hatte verdammtes Glück, das Gefängnis ist direkt vor der Haustür. Er hat mir alles erklärt, mich in den Arm genommen und gesagt: „Brigitte, geh deinen Weg.“ Dann bin ich losgezogen ohne zu wissen was ich dort überhaupt tun soll. Es war mir jedoch schnell klar, als ich diese Mauern, diese Begrenzungen sah. Das einzige was ich tun werde, ist um dieses Gefängnis zu laufen, immer an der Mauer entlang, rundherum, um ein klein wenig zu spüren wie es den Menschen dort drinnen geht, die sich auch nur in diesem begrenzten Raum aufhalten dürfen. Tja, dann bin ich losgelaufen, immer im Kreis, vorbei an Überwachungskameras, an Arbeitern .. ewig lang. Auf einem dieser Runden kam ich an einen Ausgang in Richtung Pegnitz vorbei. Die Tore gingen auf und ein Polizeiauto fuhr heraus. Erst wollte ich wegschauen, dann hab ich mich doch hingestellt und voll in dieses Auto gestarrt. Hinten saß ein Mann, der schaute mich an, direkt ins Gesicht und lächelte. Kein anzügliches, kein Grinsen, nein ein ganz freundliches Lächeln. Ich lächelte zurück, dann war mir klar, hier werde ich zum ersten Mal meine Schuhe ausziehen, hier ist heiliger Boden. Mit dieser Gewißheit habe ich weiter meine Runden gedreht und dann zum Schluß – als ich nicht mehr gehen konnte – dort meine Schuhe ausgezogen. Hab mich voll in das Blickfeld der Überwachungskamera gestellt, ein Vater Unser gebetet und daraufhin ganz langsam meine Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Anschließend bin ich unter längerer Verfolgung durch die Kamera ganz behutsam, barfuß ins Haus zurückgegangen. Wahnsinn!

Am nächsten Tag zog es mich wieder zum Gefängnis. Ich hab mich hingesetzt und ständig auf ein vergittertes Fenster gestarrt. Dort konnte ich jemanden erkennen. Es kam mir so der Gedanke, da oben ist ein Mensch, nicht ein Gefangener, ein Verbrecher, nein ein Mensch. Da müßte ich wieder meine Schuhe ausziehen, die Schuhe der Ungleichheit. Ja, wir sind alles Menschen, ganz egal was auch immer wir für eine Lebensgeschichte in uns tragen.

Als ich dann abends in der Gesprächsrunde davon erzählte und nebenbei erwähnte, daß ich seit der Ankunft in Nürnberg, keine Nacht vor Schmerzen schlafen kann – an diesem Morgen taten mir sogar meine Handfesseln weh – machte mich Christian vorsichtig darauf aufmerksam, daß an diesen Schmerzen nicht das schlecht Bett, sondern vielleicht all das, was mich gerade so umtreibt Schuld sein könnte. Ich hab’s ihm nicht geglaubt! Doch fiel es mir in dieser Nacht wie Schuppen von den Augen, daß dieser Drang das Gefängnis zu besuchen, vor allem etwas mit mir selber zu tun hat. Mit meinen inneren Gefängnissen, mit meinen Fesseln, ja, mir wurde klar, wie gefangen ich persönlich bin. Meine Sorgen, meine Ängste. Wahnsinn! Ab dieser Nacht waren meine Schmerzen wie weggeblasen, weg, einfach so. Wahnsinn!

Nun hatte ich die Sicherheit in mir, daß ich nicht mehr weit weg gehen muß, denn Mich hab ich ja immer bei mir. So bin ich nur noch einmal zum Gefängnis, um mich dort zu verabschieden.

Mein Platz war dann an der Pegnitz, vor allem beim Wasserrad. Dort hab ich auch etliche Male meine Schuhe ausgezogen. Als Dank für Gottes Schöpfung und vor den lieben Menschen, die mich in diesen Tagen begleiteten. Jedoch frei war ich immer noch nicht, aber auch nicht unglücklich.

Meine „Befreiung“ kam dann ganz unerwartet, auf ganz einfache Art und Weise, durch Andrea, die mir am Anfang „Befreiung“ gewünscht hatte. Christian hatte uns schon in den ersten Tagen darauf aufmerksam gemacht, daß zwischen uns eine Bindung besteht, ja Ähnlichkeiten. Ich konnte ihn nicht verstehen!

Andrea und ich sind nach dem Frühstück am Freitag noch ein bißchen sitzen geblieben. Sie hat von sich erzählt und auf einmal konnte ich ganz locker und mit absoluter Leichtigkeit und Normalität über das reden, was tief in meinem Herzen verschlossen ist, was mir manchmal in den letzten Jahren die Luft zum atmen geraubt, ja sogar meine Lebensfreude genommen hat. Es war so einfach! Wahnsinn! Die Parallelen zwischen Andrea und mir sind tatsächlich da. Christian hatte wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen! Wahnsinn!

Tja, so richtig bewußt wurde mir das alles erst beim anschließenden Morgengebet. Da hat es mich dann voll erwischt, ich hab nur noch gezittert und geweint, geweint und geweint. Ich konnte niemanden ansehen, nur Christian meine Hand geben. Ich weiß nicht wie lange ich so gesessen bin, aber egal, dieses Bild, das ich dann vorgefunden habe als ich die Augen wieder geöffnet habe, werde ich wohl nie mehr in meinem Leben vergessen. Da saßen Andrea, die den Arm um mich gelegt hatte und einige ganz liebe Menschen von diesen Exerzitien und hielten sich fest an den Händen. Diese Verbundenheit war unglaublich. Wahnsinn!

Nach diesem Tag ging es mir brutal gut und ich wurde immer weiter und weiter von Gott beschenkt und geführt. Kaum zu begreifen und auszuhalten. Mit Antworten auf ungelöste Fragen, ja Gott hat mich mit absoluter Nähe und Liebe umgeben, auch durch die Umarmungen und lieben Worte der Anderen, sowie mit dem Geschenk des Lachens, vor allem mit Laura. Wahnsinn!

Er hat es dann auch noch geschafft, daß ich trotz großer Schwierigkeiten mit mir selbst, wenigstens innerlich vor mir die Schuhe ausgezogen hab. Wahnsinn!

Ich will enden mit den Worten aus Psalm 139, mit denen ich am letzten Tag aufgewacht bin:

Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.

Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.