Exerzitien auf der Strasse

Christoph Albrecht SJ
veröffentlicht in: Nuntii, 2004.4 (Mitteilungen der Schweizer Jesuitenprovinz)

…fanden Ende Oktober (2004) in Fribourg statt

Wer erinnert sich noch an meinen Bericht von den Exerzitien dieser Art in Basel? Das war im Oktober 2003. In diesem Jahr begleiteten wir, d.h. Mathilde Roentgen, Maria Sinz, Christian Herwartz SJ und ich, solche Übungen in Fribourg. Dieses Mal nahmen uns die Karmeliter für 10 Tag in ihren vier Gästezimmern auf. Wir waren insgesamt 12 Personen. Es war eng. Wir mussten die Räume als Ess-, Aufenthalts-, Gesprächs- und Schlafzimmer, sowie als Gottesdienstraum nutzen, was von allen Toleranz und Rücksichtnahme forderte.

Täglich gab es gemeinsame Zeiten, von denen nur das Begleitgespräch wirklich verpflichtend war. Gemeinsames Früstück um acht, ein jeweils von einer Teilnehmerin gestaltetes Morgenlob um neun, Gottesdienst um 17 Uhr, danach Abendessen, und um 19 Uhr begannen die Begleitgespräche in den Teilgruppen. Tagsüber organisierte sich jede selbst. Ja, dieses Mal nahmen acht Frauen teil.

Zur Begleitung der Übenden machten wir wieder zwei Kleingruppen, die jeweils von einer Frau und einem Jesuiten begleitet wurden. Auch dieses Jahr wurden die Teilnehmerinnen schrittweise in die Exerzitien eingeführt, indem wir sie zuerst ermutigten, Gott mit der eigenen Sehnsucht nach Heil und Versöhnung zu nennen, dann aber auch beim Verweilen in der Stadt, innerlich die Schuhe auszuziehen:

Schuhe ausziehen – dieses Bild ist einer biblischen Geschichte aus Exodus 3 entnommen: Mose, ein Ziegenhirt in der Wüste Sinai, sieht mitten in seinem Alltag etwas Ungewöhnliches: Ein Dornbusch brennt und verbrennt doch nicht. Er wird neugierig und will sich das Geschehen aus der Nähe ansehen. Er läuft zum Dornbusch. Da hört er eine Stimme, die ihm sagt: Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden, weil das Leben, die Ursehnsucht, die fundamentale Vitalität, das von dir nicht Gewusste, weil Gott mit dir hier sprechen will. Mose hört nun neu von der Versklavung seines Volkes und damit auch von seiner eigenen verdrängten Not und wie ihm eine wichtige Rolle auf dem Weg der Befreiung zugedacht ist.

Die Schuhe ausziehen ist ein Bild für die Bereitschaft, mit Respekt zuzuhören. Die – bei Stiefeln auch wehrhafte – Distanz der Schuhe wird abgelegt, auch der Dünkel die besseren oder schöneren Schuhe zu haben. Die oft dornige Realität wird mit den nackten Füßen berührt, um darin die eigenen Verletzungen und Biestigkeiten, die eigenen und fremden Sehnsüchte und die Wege zu einem erfüllten Leben zu suchen. Die Schuhe auszuziehen ist der Beginn, mitten in der Welt der Meinungen und Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden vor der Wirklichkeit und den Menschen in ihr – auch gegenüber der eigenen Geschichte und Zukunft; kurz: neu zu hören, zu sehen, zu riechen, zu tasten an dem „heilig-gewordenen“ Ort der Aufmerksamkeit.

Es war für mich das erste Mal, dass ich in einer Gruppe so heftige Dinge hörte. Nicht wie im Setting der Einzelbegleitung, wo schnell einmal das zur Offenheit nötige Vertrauen da ist, öffnet sich ein Exerzitant hier ja in einer Gruppe, die in ihrer Dynamik noch einmal ganz andere, heilende Kräfte zulässt.

Eine Teilnehmerin erzählte, was sie mit der weinenden Frau (eine Bronze-Plastik in Fribourgs Fussgängerzone) erlebt hatte, wie sie in dieser Stadt, in der Betteln verboten ist und in der ihr auf dem Arbeitsamt erklärt wird: Hier finden alle Arbeit, wir haben die Situation im Griff, bei uns gibt es keine Armut …, mit ihren eigenen Erfahrungen konfrontiert wird. Warum denn darf diese Frau Tag und Nacht weinen, in einer Stadt, in der die Probleme gelöst sind? Wo habe ich selber noch zu weinen, obwohl ich im Alltag mehr als gut funktioniere? Mit diesen Fragen entdeckte sie an den weiteren Tagen, welches ihre eigenen Wunden sind. Mit der Haltung der ausgezogenen Schuhe näherte sie sich dem Bordell, erblickte die Frauen, die meisten Schwarzafrikanerinnen, die sich vor ihr verstecken wollten, nahm ihre Not war, ihren Schmerz, von anderen Menschen nicht als Person geachtet zu werden, und dann ihre eigene Wunde, wie sie als Kind selbst in ihrer eigensten Identität verletzt wurde. Ein paar Tage später entdeckte sie in der Kirche, Sainte Thérèse in einer Reliefdarstellung eine Schwarze Madonna. Sie war genauso schön, wie die der Gier der Männer ausgelieferten Frauen, sie war ganz eine von ihnen. Im Begleitgespräch der Kleingruppe wurde deutlich, dass diese innere heilende Erfahrung der Solidarität für die Exerzitantin noch deutlicher erlebbar wird, wenn sie sie mit einer Geste zum Ausdruck bringen kann. Am letzten Tag brachte sie an die drei Orte, wo weinen erlaubt war, Rosen. Und diese Tat eröffnete ihr noch einmal eine Überraschung: Wie sollte sie einer Statue eine Rose geben und daneben den Mundharmonikaspieler im Rollstuhl nicht beachten!? Also liess sie sich von ihrer Betroffenheit leiten, sie schenkte auch dem Mann eine Rose. Er blickte auf und lächelte sie an – mit tränenden Augen. Am letzten Tag sagte diese Frau: „Diese zehn Tage ersparen mir ein Jahr Therapie.“