Gott suchen und finden in allem, was mir begegnet

Christian Herwartz (2008)

Unter diesem Titel haben wir in diesem Jahr auf dem Katholikentag in Osnabrück zweimal Übungen zur Aufmerksamkeit – Exerzitien auf der Straße für jeweils 2,5 Stunden angeboten. Im Programmtext folgte die Erläuterung: Die Werkstatt beginnt mit einer Einführung im Geistlichen Zentrum. Danach macht sich die Gruppe auf den Weg in die Stadt. An einem herausfordernden Ort sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer Meditation eingeladen. Leitung: Christian Herwartz und Claudia Keysers, Berlin.

Wir hatten beide Erfahrungen, 10tägige Exerzitienkurse auf der Straße zu begleiten, auch Exerzitien im Alltag und eintägige Exerzitien auf der Straße, ebenso mit Gruppen, die fremde, auch uns unverständliche, Sprachen sprechen. Doch wird es möglich sein, sich in so kurzer Zeit und in Gruppen zu jeweils 40 Teilnehmer/innen auf die Führung Gottes einzulassen?

Nach einem kurzen Austausch darüber, warum die Teilnehmer/innen gerade dieses Angebot aus der Fülle der Veranstaltungen ausgewählt hatten, stellten wir die Frage: „Wenn Gott unten am Flussufer auf dich wartet, wie kannst du ihn dort finden?“ Die Jünger/innen lernten, den auferstandenen Jesus im Gärtner, im Fremden auf dem Weg nach Emmaus, als jemanden, der durch verschlossene Türen geht, und als Grillmeister am See Genezareth zu entdecken. Mit der Auferstehung ist das Versteckspiel Gottes unter uns in eine neue Etappe gekommen. „Wie werden wir ihn finden und in welcher Weise entdecken, wenn er auf uns wartet.“ Wir beide erzählten etwas von unseren Erfahrungen auf der Suche. Sofort war Skepsis und Angst bei den Teilnehmer/innen zu spüren, wie sie wohl immer vor Exerzitien auftaucht: „Wird sich Gott auch mir zeigen? Sicherlich. Aber werde ich lange genug suchen und an ihm nicht vorbei gehen?“ Wir haben über die Erfahrungen der Teilnehmer/innen im Umgang mit dieser Angst gesprochen und wie wichtig es ist, sie zu sehen und sich doch nicht vom eigenen Weg abbringen zu lassen.

Als Begleiter/innen waren wir herausgefordert, Zeugen der Kreativität Gottes zu sein und alle einzuladen, mit ihrer ganzen Person einige suchende Schritte zu gehen.

Als ich nach weiteren Informationen hinsichtlich der Exerzitien auf der Straße fragte, war ich sehr verdutzt. Keine/r stellte organisatorische Fragen nach der Dauer der Kurse, Bezahlung, Ablauf. Alle waren eingestiegen in einen persönlichen Prozess, wie sich bald herausstellte.

Bevor wir zusammen auf den Weg entlang der Hase gingen, die durch Osnabrück fließt, gaben wir allen einen Impuls aus dem Lukasevangelium (10,2-5) mit: Jesus sandte 72 Jünger aus, um sein Kommen in den Ortschaften vorzubereiten, in die er noch gehen wollte. „Ich sende euch wie Lämmer unter die Wölfe“, sagte er ihnen. Dieser Satz fasste das Gespräch über die Angst nochmals zusammen. Dann gab Jesus die Anweisung, keinen Geldbeutel und keine Tasche mitzunehmen. Das Loslassen falscher Sicherheiten und das ausschließliche Vertrauen auf Gott sind entscheidende Meditationsregeln, die uns auf dem folgenden Pilgerweg helfen würden. Außerdem sollen wir die Schuhe weglassen. Sie markieren eine Distanz zur Realität und sind oft Ausdruck unserer inneren Haltungen, die uns am Bleiben in der Anwesenheit Gottes hindern. Sie abzulegen ist auch ein Zeichen der Hochachtung gegenüber den Begegnungen, die auf uns warten, wie es Mose vor dem brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch erfahren hat (Ex 3). Außerdem weist Jesus an, unterwegs niemanden zu grüßen. Das wurde sofort als Zumutung wahrgenommen: „Ich will oder soll doch nicht unhöflich sein.“ Wie schwer ist es, sich von dem zu lösen, was andere meinen könnten? Wie gern lassen wir uns davon ablenken, unbeirrt auf das Ziel zuzugehen. Der Auftrag soll später – aber nicht sofort – mitten in einer Kommunikation verwirklicht werden, wie gleich im nächsten Satz deutlich wird. Dort nennt Jesus das Ziel der Sendung: „Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause!“ Den Frieden in Jesus zu finden und ihn mit anderen zu teilen ist auch unser Sehnen.

Wir brachen auf. Sofort vor der Schule wurde ich zweimal von Bekannten gegrüßt, die ich lange nicht gesehen hatte. Doch es war innerlich ganz klar: Jetzt bist du unterwegs und traust ihnen zu, dies zu bemerken. Die Gruppe ging ohne jede Anweisung in Stille durch die vom Kirchentag gefüllten Straßen. Es begann zu regnen. Als wir uns unterstellen mussten, fanden wir ein Dach gegenüber einem Floss auf dem Wasser. Darauf standen zwei Menschen, die fortlaufend aus dem Neuen Testament vorlasen. Es war gerade ein Abschnitt aus der Bergpredigt (Mt 5-7) dran. Wir hörten das „Vater unser“, vom Fasten, vom wahren Schatz und der Unmöglichkeit, Gott und dem Mammon gleichzeitig zu dienen. Dann wurde uns gesagt, wir sollten keine Angst haben und wir wurden zum Nichtrichten und Vergeben aufgefordert. Der Regen hörte auf. Wir gingen weiter. (Auch am zweien Tag wurden wir hier im Vorbeigehen mit dem Hinweis auf das neue Manna, nämlich dem lebendigen Brot, zum Weitergehen ermutigt.)

Nach einigen Minuten sahen wir durch eine Mauerlücke unser Ziel. Mir schien dieser Moment ähnlich, wenn die Pilger das erste Mal Compostella sehen. Es ist eine Freude: Der Weg führt wirklich zum erhofften Ziel. Das kleine Untersuchungsgefängnis hinter den Gerichtsgebäuden hätte auch die Kulisse für einen Wild-West-Film sein können. 60 Menschen werden darin bis zum Gerichtstermin festgehalten. Wir hielten an und sammelten uns nochmals. Dann gingen wir schweigend weiter, überquerten die Straße, gingen durch einen Tunnel und umrundeten dann den Gefängnisbau.

Dort wurde alles Gepäck auf einen Haufen gelegt und ein rotes Tuch darüber gelegt. Hier im Angesicht der Gegenwart Gottes in den Gefangenen (Mt 25,36) – das Gefängnis ist ja wie eine große Monstranz – wurde dann die Geschichte von Mose erzählt, der Gott in einem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch begegnete (Ex 3,4). Mose stand damit auf heiligem Boden und zog voll Ehrfurcht seine Schuhe aus.

Die nächsten 15 Minuten gingen die Teilnehmer/innen nun in Sichtweite des Gefängnisses an einen Ort, der ihnen für die Meditation geeignet schien. Manche zogen die Schuhe aus oder berührten die Mauer, die die Menschen drinnen wie ein großes Kleidungsstück verhüllt. Ich muss immer an den Purpurmantel denken, der Jesus umgelegt wurde, um ihn zu verspotten. (Mt 27,28) Manche erlebten die Gefängnismauer als Klagemauer, wie die alte Tempelmauer in Jerusalem. Mir wurde die Situation immer unerträglicher bis ich über die Mauer laut nach Hans schrie. Das ist der Name eines Freundes, der in Berlin in Untersuchungshaft einsitzt. Wie unwichtig war da das Schild an der Mauer, dass eine Kontaktaufnahme mit den Gefangenen verboten ist oder dass Hans nie in Osnabrück war. Die Betonmauer hatte für mich plötzlich einen Riss.

Nach der kurzen Meditationszeit versammelten wir uns wieder und nannten unsere Anliegen meist in der Form von Fürbitten. In diesen Gebeten wurde viel Schmerz deutlich, aber auch die Dankbarkeit, an diesem Ort stehen zu dürfen. So sagte einer, dass ihm hier eine Situation am Morgen in der Nähe des Bahnhofs als eine Begegnung mit Gott deutlich wurde oder ein anderer sprach von der Überraschung, dass er in einer Monstranz arbeiten dürfe. Er ist in einer forensischen Klinik beschäftigt, die wie ein Gefängnis mit Mauern und Stacheldrahtrollen gesichert ist. – Nach jedem Beitrag sangen wir gemeinsam den Gebetsruf: „Lord, hear my pray’r“ (Herr, erhöre mein Gebet).

Zum anschließenden Exerzitiengespräch zogen wir uns einige Meter aus dem Blickfeld der Gefangenen in einen Gang zwischen den Gebäuden zurück. Nach einigen Strophen von dem Lied „Da wo ein Brunnen fließt …“ lasen wir die Mosesgeschichte vor, wie sie Stefanus in seiner Predigt kurz vor seinem Tod zusammengefasst hat: Apg 7,30-35. Danach sprudelten die Erzählungen. Manche waren so bewegt, dass sie nur unter Tränen sprechen konnten. Andere waren überrascht von der inneren Freude.

So erzählte eine Frau davon, dass sie den ganzen Weg ohne Schuhe gegangen sei. Verwunderlich war für sie, dass sie in keine Scherbe getreten war. Das wäre nicht typisch, denn sonst würde sie in jedes bereitliegende Problem treten und sei dadurch immer in vergangene Ereignisse verstrickt und könne nicht nach vorne blicken. Doch heute hätte sie gelernt, einfach neben die Scherben zu treten, sie also liegen zu lassen und nach vorne zu sehen.

Eine andere Teilnehmerin erzählte von ihrer Angst, als das Ziel des Weges genannt wurde. Mit dem Gefängnis wollte sie nichts zu tun haben. Jetzt konnte sie von der Ruhe und Klarheit erzählen, die sie hier gefunden habe. Aber es gab auch jemand, der in sich den Druck des Urteilens gespürt hat. Ganz spontan hat er über die Inhaftierten gerichtet. Es war gut, dieses Verhalten in sich zu entdecken und beiseite zu legen.

Nach etwa zehn Erzählungen von Eindrücken an diesem Tag und Nachfragen von uns, haben wir darum gebeten, jetzt die Mosesgeschichte nochmals zu erzählen. Dabei kamen einige neue Aspekte zu Wort, besonders als es um die Frage ging, wo wir diese Geschichte schon im eigenen Leben wahrgenommen haben. Sofort erzählte eine Frau: „Es gab einmal einen Mann, er hieß Mose. Er bemerkte einen Dornbusch, der brannte aber verbrannte nicht. Er sah ihn von weitem. Dann ging er aber nicht hin, um sich diese Begebenheit näher anzusehen, sondern er ging weiter.“

Wir beendeten diese Runde mit einem Lied und zogen wieder zurück vor das Gefängnis. Dort sangen wir zum Abschied für die Gefangenen, von denen wir bisher noch keine Lebensäußerung wahrgenommen hatten, das Befreiungslied: We shall overcome. Da sah ich in einem Fenster ganz deutlich durch die Sichtblenden hindurch das Gesicht eines Mannes, der aufmerksam zuhörte. Ich konnte jede Falte seines Gesichtes sehen. Er musste auf einem Möbelhaufen stehen, denn die Zellenfenster waren sehr hoch angebracht. Er war sichtlich bewegt und ich sang im Augenkontakt mit ihm. Als wir geendigt hatten, hörten wir das Klatschen aus vielen Zellen. Da war eine große Freude in uns. Claudia gab uns dann den Segen und wir verabschiedeten uns nach diesen gut gefüllten 2,5 Stunden fast schweigend und zogen nach und nach zurück in das Gewühl des Katholikentages.

Teresa, die die Exerzitien auf der Straße von Beginn an kennt, stieß vor dem Gefängnis zu uns. Sie war sehr beeindruckt von der Sammlung der Teilnehmer/innen und fühlte sich sofort mit im Gebet. Wir konnten ihr – und später auch anderen – ausführlich von der Kreativität Gottes in diesen Stunden erzählen. Einige Zuhörer kamen am nächsten Tag, manche stießen erst auf dem Weg zum Gefängnis dazu. Auch sie kamen noch in den Exerzitienprozess mit hinein und teilten ihre Erfahrungen mit uns allen beim Exerzitiengespräch. Das war eine der neuen Überraschungen am zweiten Tag. Ich wollte beim zweiten Besuch den Gefangenen gerne wieder sehen und sprach ihn im Gebet laut an. Doch er zeigte sich nicht

Abends kam ich am Bahnhof mit einer älteren Frau ins Gespräch. Sie war am Samstag auch vor dem Gefängnis gewesen. Dort wurde ein Gottesdienst gefeiert. Zeitgleich fand in der Gefängniskapelle ein Gottesdienst statt. Über eine Standleitung waren beide Gruppen miteinander verbunden, sodass die Gebete und Lieder mal im Gefängnis und mal auf dem Vorplatz angestimmt wurden. Sie hat mit viel Freude von diesem außergewöhnlichen Ereignis erzählt.

Nach ein paar Tagen bekam ich eine E-Mail von einer Teilnehmerin mit folgendem Inhalt: „Ich wollte Dir sagen, dass es mir sehr gut getan hat, dass die Straßenexerzitien in der Gruppe stattfanden. Beim Kontaktseminar in Münster sind wir ja alle allein losgezogen. Das fiel mir nicht so leicht. Diesmal war es ganz anders. Ich mache ja viel allein: An der Hochschule …, aber auch hier zuhause, wo ich mich auch oft allein fühle. Da bin ich immer glücklich, wenn ich etwas in einer Gruppe tun kann. Und zudem fand ich es so schön, wie jeder seinen eigenen GottesOrt gefunden hat, obwohl wir alle am selben Ort waren. Auch das Singen zusammen war so gut. Macht Ihr das öfter als Gruppe, oder war das diesmal die Ausnahme?“ Gespannt bin ich, welche Anregungen uns diese Erfahrungen noch geben werden.