Von Staunenswertem erfüllter Ort

Sr. Lucia Mersmann (2008)

Im August 2008 war ich zu zehntägigen Exerzitien im Norden Duisburgs, im Stadtteil Marxloh. Von meinen Erfahrungen in den Tagen dort möchte ich erzählen.

Wir, die zwölf TeilnehmerInnen, einschließlich vier Personen Begleitung, hatten die Möglichkeit, dort in der Pfarrei Peter und Paul eine Unterkunft zu finden und Frühstück + Abendessen gemeinsam einzunehmen. Als verbindlich für den Abend stand ein Austausch in zwei Kleingruppen auf dem Programm, um unsere Erfahrungen vom Tag gemeinsam zu reflektieren und Orientierung für den weiteren Weg zu bekommen. Den Tag über waren wir unterwegs, auf öffentlichen Plätzen und entlang den Straßen der Stadt. Der Aktionsplan ‚Heilige Orte in der Stadt Duisburg‘ und ein Stadtplan waren gute Hilfen für unser tägliches Unterwegs.

In Marxloh, mit vorwiegend türkischen Bewohnern, ist der Ausländeranteil wahrscheinlich über 70%. Im Oktober wird dort der Bau einer im arabischen Stil gebauten Moschee abgeschlossen sein. In diesen Tagen wird die Bodenheizung verlegt. Daher ist sie als ‚Raum der Stille‘ nicht betretbar. Im Erdgeschoss der Moschee ist ein Raum für interreligiöse Begegnungen vorgesehen.

Dieses Marxloh, mit seinen interkulturellen Möglichkeiten, ist mir ein besonderes Anliegen. Hier erfahre ich mich offen für Überraschungen, auch wenn sie ganz alltäglich daher kommen:

Begleitung einer älteren, deutschen Passantin auf ihrem Weg zum türkischen Arzt. Sie erzählt von ihren Erfahrungen, einst und heute, von einer unbeschwerten Zeit mit ihrem Mann und den Ängsten, wenn sie heute allein ist auf ihrem Weg zu einer wichtigen Untersuchung.

Entlang einer verkehrsreichen Straße finde ich den Second-Hand-Shop des Kinder-Kreuzbundes. Eine junge Mitarbeiterin verdient dort zwei Euro pro Stunde. Mit dieser Beschäftigung erwirbt sie sich ein Anrecht auf Hartz IV – Unterstützung.

Wenige Meter weiter bekomme ich eine wunderschöne dunkelrote Rose, mit langem Stiel und ohne Dornen: von einer Floristin, die aus ihrem Urlaub zurück, jetzt ihr Blumenlädchen neu dekoriert; sie hat wohl mein kleines Kreuz am Halsband gesehen und sagt: „Wer immer hier vorbei geht, auf dem Weg zur Kirche, der bekommt eine Rose von mir.“

In Richtung Pfarrkirche begegne ich dem vierjährigen Linus. Er geht mit, in seinen Händen hält er die Rose. Er bringt sie in die Kirche, vorne rechts zum Tabernakel. Dabei sieht er das erste Mal eine Kirche von innen, an die er sich vielleicht später erinnern wird. Sein jugendlicher Vater schaut ihm zu; er möchte, dass sein Sohn sich später selber zur Taufe und damit für eine Gemeinschaft entscheidet, zu der er gehören möchte.

Dann, mitten in einer Gruppe von Alkohol- und Drogenabhängigen an einem zentralen Platz Marxlohs, höre ich zu. Ein junger Mann zeigt mir auf seinem Handy ein Foto: „Meine Perle,“ so sagt er, mit Liebe und Begeisterung, „aber jetzt ist sie zu dick, um noch schön zu sein.“

Ohne Bierflasche, eins mit ihnen? In der Gruppe werde ich nicht hinterfragt.

Besuch einer jüdischen Synagoge zur Shabbatfeier. Ich befinde mich auf der Empore; die Männer sind unten im zentralen Teil des Gebäudes. Etwa vier Stunden rezitieren wir Psalmen und hören Texte, von denen mir einige neu waren, da unser christliches ‚Erstes Testament‘ eine gekürzte Version der Thora ist. Anschließend sind wir zum gemeinsamen Mahl – Kiddusch – eingeladen: Frauen und Männer bei Brot und Wein . . . .

Auf der Empore der Synagoge treffe ich eine gute Bekannte von einem Bibelkreis im Karmel und später in meiner Wohnung. Nach mehrjährigem Studium des Judentums, Erlernen der hebräischen Sprache und abschließender Prüfung, wurde sie in diese jüdische Gemeinde aufgenommen.

An einem sonnigen Abend, mit dem Fahrrad unterwegs im nahe gelegenen Bürgerpark, treffe ich auf eine Gruppe älterer türkischer Frauen. Wir unterhalten uns und zum Abschied legt eine der Frauen ihre rechte Hand wie segnend auf meinen Arm.

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Vor mir liegt ein Artikel, der im vergangenen Jahr nach meinen Straßenexerzitien im Westen Duisburgs, dem Stadtteil Homberg, mit dem Motto: „Zieh die Schuhe aus …“ für den Pfarrbrief dort geschrieben wurde. Die Fragen darin bewegen mich neu. Mein Alltag ist ‚abgehoben‘ durch Aufgaben in einem anderen Umfeld. Die kritische Rückfrage nach Sinn und Ehrlichkeit solchen Übens ‚entlang der Straße‘ bleibt, stellt mich in Frage, konfrontiert mich.

Der abschließende Satz des genannten Artikels ist mir besonders wichtig: „Mut und vor allem Vertrauen“. Das kann der rote Faden bleiben. Hinzufügen möchte ich jetzt, nach einem Jahr Erfahrung: Vertrauen, dass ‚Führung und Fügung‘ im Hier und Jetzt entlang den Straßen mit mir unterwegs ist! Ich kann mir Zeit nehmen, dem nachzuspüren. Vielleicht kann ich hier sehen und hören, was schon lange in mir wach werden und sich zeigen wollte.

Hier kann ich Menschen begegnen, die wichtige Spuren ihres Lebens aufleuchten lassen, ohne Anerkennung zu suchen. Hier lerne ich loszulassen, was meine Lebensspur verdunkelt und austrocknen lässt. – Verstehen möchte ich, was sich erst im Rückblick buchstabieren lässt. So bleibt jeder Tag ein offenes Übungsfeld.

Der zentrale Bibeltext unserer Exerzitien war auch in diesem Jahr der ‚brennende Dornbusch‘ Exodus 3, Verse 1-5

Ein Zitat nach Rachel Naomi Remen ‚Aus Liebe zum Leben‘

„Wie ist doch ‚unser Leben‘ erfüllt von Staunenswertem, und wir wussten es nicht,“

könnte eine froh machende Bestätigung jeden Alltags sein.

Sie schreibt: Tage vergehen und die Jahre verschwinden, und wir wandeln blind umher unter Wundern. Herr, erfülle unsere Augen mit Sehen und unseren Geist mit Wissen. Lass es Momente geben, in denen Deine Gegenwart die Dunkelheit, in der wir wandern, wie ein Blitz erhellt. Hilf uns zu sehen, wohin wir auch schauen, dass der Dornbusch brennt ohne zu verbrennen. Und wir von Gott angerührte Erde werden, nach dem Heiligen ausgreifen und voller Ehrfurcht ausrufen: „Wie ist doch dieser Ort erfüllt von Staunenswertem, und wir wussten es nicht.“

In diesen zehn Tagen in Marxloh ist mir Duisburg neu und versöhnt Heimat geworden. Mein Lebens- und Arbeitsfeld in den vergangenen 25 Jahren, in verschiedenen Stadtteilen Duisburgs, hat sehr unterschiedliche Gesichter und Erfahrungen. Was ‚objektiv gesehen‘ unbedeutend oder sogar ‚abgedreht‘ erscheint, kann für mich immer wieder ein ‚brennender Dornbusch‘ sein und zum Ausziehen der Schuhe einladen.