4 Christian Herwartz, Eine neu zu entdeckende Beziehung

Zwei unterschiedliche Blickrichtungen: Gläubiges Suchen und diakonisches Handeln

Auf unserem Lebensweg entdecken wir das Angenommensein als Menschen auf ganz unterschiedliche Weise. Wir ahnen langsam die allem zugrunde liegende Freundschaft Gottes zu uns, unter vielen Zweifeln und Gewissheiten. Sie öffnet unser Wahrnehmen für die uns mit allen Menschen verbindende „natürliche“ Wirklichkeit. Diese Einheit zu erleben, ist ein von vielen Eingrenzungen befreiendes Geschenk. Trotzdem durchleiden wir Krisen, in denen wir uns begrenzt fühlen und den weiten Blick verlieren auf die in uns angelegte Gemeinsamkeit mit vielen Menschen und letztlich mit Gott. Er selbst ist es, der in uns den Hunger nach Gerechtigkeit und Gemeinschaft erwachen lässt. Auf unterschiedlichen spirituellen Wegen können wir uns Gott zuwenden. Er ermöglicht uns das Überleben und weist uns auf den nahrhaften Boden {1} hin, auf dem wir als bedürftige Menschen wachsen und die Erfahrungen anderer hören können.

Aus Dankbarkeit über die Geschenke auf dem eigenen Lebensweg und angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen oder persönlicher Notlagen kommt es zum inneren Handlungsimpuls. Oft wird dazu in kirchlichen Kreisen auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter verwiesen.{2} Ein Mensch ist in Not. Er liegt nach einem Überfall am Wegrand. Ein Vorübergehender wird zum Sehenden; er eilt nicht weiter zum nächsten Termin, sondern kann stehen bleiben. Er wird dem Verletzten zum Nächsten und handelt aus dieser Beziehung heraus. Ähnlich wird dieser Entscheidungsablauf in den ersten Büchern der Bibel, der Tora, beschrieben: Siehst du einen Fremden – und wir können hinzufügen: einen Hilfsbedürftigen – dann erinnere dich, dass du in Ägypten auch ein Fremder warst, und dann handele mit dem erinnerten Gefühl entsprechend der gemeinsamen Geschichte {3}.

Die organisierte Diakonie reagiert nicht nur aus spontanen Gefühlen heraus, sondern hat sich auf Notfälle und Bedürftigkeiten von Menschen eingestellt. Diakonisch arbeitende Menschen haben spezialisierte Ausbildungen durchlaufen und die Gesellschaft stellt Hilfsmittel bereit, damit sie möglichst effektiv handeln können. Die verschiedenen kirchlichen und nichtkirchlichen Organisationen arbeiten zusammen und werden von einem allgemeinethischen Impuls geleitet, der nicht auf spezifisch christliche Werte zurückgreifen muss. Der Diakoniebetrieb ist zu einem Unternehmensbereich geworden, der unter vielerlei Rücksichten mit anderen vergleichbar ist: Das Personalwesen, die Wirtschaftsführung oder die Logistik werden nach ähnlichen Grundsätzen betrieben.

Mitten in aller Geschäftigkeit stehen Menschen in der professionellen oder ehrenamtlichen Diakonie vor Situationen, die sie nach ihrer Ursprungsmotivation suchen lassen:
Zum einen entdecken sie in einem Beratungsgespräch Situationen, die ihnen vorher ganz fremd waren. Die erlernten Fähigkeiten reichen z.B. angesichts der Situation von Flüchtlingen vor der Abschiebung oder bei Opfern von Menschenhandel nicht aus. Neben der Notwendigkeit fachgerechte Hilfe zu suchen ist nun wieder der spontane Bezug zu dem am Rande stehenden Menschen, wie bei dem helfenden Samariter im Evangelium, angefragt.

Viele Situationen aber überfordern und einzelne Lebensschicksale gehen so sehr zu Herzen, dass schmerzhafte Reaktionen einsetzen. Mitarbeitende aus der Diakonie erzählen:
– Wir identifizieren uns zu sehr mit Notleidenden. Die Grenzen verwischen, wir geben unsere Identität, unsere Einmaligkeit, unsere Handlungsfähigkeit auf. Wir werden „gefressen“ von den leidenden Menschen. Der Rückgriff auf Techniken und Gelerntes funktioniert nicht mehr. Wir erleben uns ohnmächtig, hoffnungslos und wie ausgehebelt. Das nutzt niemanden und ist eine Nähe, die symbiotisch und keinesfalls mehr als liebevoll zu bezeichnen ist.
– Aus diesem Gefühl der Ohnmacht kann (kann!) die Frage nach dem Warum und Wozu dieses Leidens entstehen. Es ist die Frage nach strukturellen Mächten wie Gesetz, Norm, gesellschaftlichen Konventionen etc. Es ist aber auch die Frage nach dem Menschsein überhaupt: Warum sind wir, wie wir sind? Was ist in uns? Wo ist unser Mittelpunkt? Was ist „des Menschen“?

  • Wir grenzen uns sehr scharf ab und ziehen uns auf unser Wissen, unsere Kenntnisse und Fähigkeiten – auch wenn sie nicht ausreichen – zurück. Wir verweigern zuzugeben, dass wir mit unserer Wirkmächtigkeit am Ende sind, machen weiter wie bisher und schieben die „Schuld“ für ungenügende Resultate dem Klientel zu. Das Herz wird hart, weil wir aus zuviel Nähe und Belastung durch die leidenden Menschen keinen anderen Weg für das eigene Überleben finden. Diakonisches Handeln wird im Extremfall zum reinen materiellen Broterwerb und damit zu einer erneuten Missachtung und Demütigung der leidenden Menschen. So zu reagieren ist ein Schutzmechanismus, der oft dazu führt, dass Menschen von einer Einrichtung in die nächste wandern müssen.
  • Dieses Verhalten löst anschließend oft un- oder vorbewusst ein schlechtes Gewissen aus. Wenn wir es zulassen und dem nachgehen, können nach dem Eingeständnis der eigenen Begrenztheit die Fragen nach dem Warum und Wozu des Leidens, nach den Ursachen für die verfahrene Situation der Klienten entstehen. Dann können wir Wut und Schmerz auch über ungerechte gesellschaftliche Situationen in den Blick nehmen, die Menschen so einpressen und ihre Würde so missachten, die zerstörerische Dynamiken in Familien und Gruppen in Gang bringen, unter denen vor allem die Schwächsten leiden und die ihre Lebensperspektiven drastisch schmälern.
  • Sowohl die Überidentifizierung mit ihrem Ohnmachtserleben als auch die gespürte Herzenshärte können uns zu intensiven Fragen nach dem Sinn des eigenen Handelns führen. Unsere Ursprungsmotivation wird erinnert und muss vertieft werden, damit wir auf die Dauer nicht Schaden nehmen an Leib und Seele. Dieser Prozess (nicht erst das Ergebnis!) hat jenseits der erlernten Techniken und Fähigkeiten unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen, mit denen wir arbeiten. Diese Auswirkungen sind sprachlich kaum fassbar. Sie positionieren uns „anderswo“ mitten im Geschehen. Und viele der KlientInnen spüren das und partizipieren unmittelbar daran – auch jenseits der Worte.

Der Rückgriff auf den eigenen handlungsorientierenden Glauben wird in solchen Krisensituationen gesucht. Ähnlich wie durch eine Krankheit werden wir in unserem routinierten Tun angehalten. Solch eine Störung des Alltags kann der Anstoß sein, schon lange anstehende Fragen zu stellen oder bewusst eine stille Zeit einzulegen. Dann überschreiten wir eine Schwelle und befinden uns in einem Lebensbereich, der außerhalb unseres zielgerichteten Handelns liegt. Wir suchen nach Orientierung in einem neuen Umfeld.

Spirituelle Wege wollen Menschen für das Leben und letztlich Gott gegenüber öffnen, damit sie ihn leichter in seinem Dasein und Handeln wahrnehmen. Rabbiner Yehuda Teichtal erzählt von seinen chassidischen Lehrern: Gott klopft an und wir bemerken, dass er unter uns wohnt; er ist zu Gast in seiner eigenen Schöpfung und wir dürfen ihm hier ein Zuhause geben. Die Einheit mit Gott sieht er in der inneren Seite des Menschen, in der Gemeinsamkeit aller Seelen, die Gott ist. Wir sind durch die unbegrenzte Phantasie Gottes alle mit unterschiedlichen Gaben und Verantwortlichkeiten ausgestattet und beherbergen doch in unserem Inneren alle denselben Gott {4}. Das Leben aus derselben Wurzel und der weiter andauernden Schöpfungsliebe Gottes ist also ein Loslassen oder ein Armwerden voreinander. Sie ist nur in Freiheit erfahrbar. Auf den unterschiedlichen spirituellen Wegen können wir uns dem Wahrnehmen und der Gewissheit nähern, dass Fremd- und Eigenliebe zusammenfallen, ohne dass die unterschiedlichen, ganz eigenen Blickwinkel sich verwischen. Die Gesprächsfähigkeit wächst und Übergriffe auf die Freiheit des anderen können abgewehrt werden.

Da wir im Leben oft von Handlungs- und Abwehrimpulsen überflutet werden, kennen alle spirituellen Wege einen Aktivitätsvorbehalt und suchen das Schweigen. Darin entfernen wir uns von der – oft auch unser Inneres ergreifenden – Hektik oder Fremdbestimmung des Alltags und bereiten uns auf das Hören vor. Die Aufforderung „Höre Israel!“ {5} umschreibt die Grundhaltung einer gottgläubigen Spiritualität. Sie ist Unterbrechung aller Aktivitäten, auch eines diakonischen Handelns.

Nach seiner Taufe wird Jesus in die Wüste geführt. Gleich in der ersten Versuchung wird er zu einem helfenden Handeln aufgefordert. Er soll Steine in Brot wandeln. Keiner soll mehr Hunger leiden. Jesus lehnt diese auf das Materielle beschränkte Versorgungsbitte ab: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ {6} Drastisch, ohne Verurteilung, stellt Jesus den damit verbundene Konflikt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter dar: Ein Priester und ein Levit kamen an einem ausgeraubten und verletzten Menschen vorbei und gingen vorüber. Sie wollten Gott im Tempel anbeten {7}. Zum handelnden Nächsten wird ein bei den Juden nicht gut angesehener Fremder, ein Samariter. Wir sind über die Blindheit gegenüber dem Nächsten empört und sehen den Verwundeten, dem nicht geholfen wird. Wir sind schnell bereit, die Gottesdienstbesucher, Meditierenden, spirituell Sensiblen zu verurteilen. Sie wenden sich bewusst von ihrer helfenden Aufmerksamkeit ab. Wir sehen uns auf der Seite der Propheten, die gegen heuchlerische Gottesdienste wettern und den Dienst an Witwen und Waisen einfordern, die darüber vergessen wurden {8}. Das Vorbeigehen der beiden, die zum Gottesdienst eilen, ist für uns enttäuschend. In der Geschichte sehen wir auch uns selbst mit unserer eingeschränkten Wahrnehmung und unserer verlorenen spontanen Entscheidungsfähigkeit.

Jesus selbst erzählt ohne Verurteilung. Dies wird besonders deutlich, wenn wir die Geschichte vom barmherzigen Samariter zusammen mit der im Lukasevangelium folgenden Erzählung von der Gastfreundschaft der beiden Schwestern, Martha und Maria, lesen {9}: Martha bereitet das Essen in der Küche und Maria hört dem Gast zu; sie schenkt Jesus ihre Hochachtung. Das Verhalten der Schwestern wird häufig spiegelverkehrt zu der vorigen Erzählung bewertet. Wir sind bereit Marthas Geschäftigkeit beim Bedienen abzuwerten und Marias Haltung als vorbildlich anzusehen. Aber auch diese Geschichte will nicht bewerten. Beide Haltungen der Frauen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Weder wird das Zuhören als Faulheit bewertet, noch weist Jesus das materielle Handeln ab. Er achtet beide. Beides gehört in der Gastfreundschaft zusammen. Wenn wir die Geschichten zusammen betrachten, wird deutlich: Die Aktivität darf nicht so dominieren, dass sie ständig unsere ganze Aufmerksamkeit aufsaugt. Die spirituelle Offenheit Gott gegenüber und der diakonische Handlungsimpuls auf unseren Mitmenschen zu, in dem wir ja auch Gott begegnen, sind eigenständige, nebeneinander stehende Lebensaspekte. Sie sind aufeinander bezogen. Benedikt hat sie in der Mönchsregel mit einem „und“ verbunden: Bete und arbeite!

Der Weg der Arbeiterpriester

Während des Zweiten Weltkrieges waren französische Priester in der nachgehenden Seelsorge ihrer Landsleute gezwungen, sich selbst nach Deutschland als Arbeiter anwerben zu lassen. Die dort gemachten Erfahrungen – verdichtet durch die ständige Gefahr entdeckt und in ein Konzentrationslager abtransportiert zu werden – trugen nach dem Krieg dazu bei, dass einige von ihnen weiter in Frankreich eine manuelle Arbeit suchten. Die Solidarität mit ihren Kollegen und der Schmerz über den gesellschaftlichen Graben zwischen bürgerlichen Schichten und dem breiten Volk standen im Vordergrund. In der Arbeiterklasse gab es Menschen, die sich um der größeren Gerechtigkeit willen in Parteien und Gewerkschaften organisiert hatten und oft mutig für eine gerechtere Welt kämpften.

Der Wechsel vom seelsorglichen und auch diakonischen „Für“ (pour) Bedrängte da zu sein zum „Mit“ (avec) ihnen zu arbeiten – also das Teilen der Lebensumstände, das Entdecken der Gemeinsamkeit untereinander und der solidarischen Anstrengungen zur Überwindung von Unrecht – ist zum Schlagwort geworden. Für Menschen barmherzig da zu sein wurde nicht überflüssig, doch der Hunger nach Gerechtigkeit stand im Glauben und Handeln wieder im Mittelpunkt. Das zentrale Geschenk dieses Seitenwechsels war für mich die Neuentdeckung des christlichen Schlüsselbegriffes: Menschwerdung. Das beschriebene Engagement ist ein spezielles Nachgehen der Menschwerdung Gottes in Jesus, der mit uns bis in den Tod hinein unser Leben solidarisch teilte {10}. Gott ist in ihm mit uns ein Fleisch {11} geworden, so dass wir in der Einheit mit ihm Geschwister sind {12}.

Die Freundschaft Jesu haben viele Arbeiterpriester in den romanischen Ländern, besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965), durch ihre Kollegen und Kolleginnen erfahren und viele andere in Europa und weltweit {13} sind einen ähnlichen spirituellen Weg gegangen, der sich deutlich von einem betreuenden Verhalten absetzt. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind zwei unterschiedliche Eigenschaften Gottes, die wir auch in uns vorfinden und nicht gegenseitig ausspielen dürfen. Jesus bezieht sich in seiner Antrittspredigt in Nazareth {14} auf die Wiedereinführung des Jubeljahres, in dem Gerechtigkeit, also Gleichheit vor Gott und untereinander, wieder hergestellt wird. In den Gesetzestexten zum Jubeljahr wird darauf hingewiesen, dass es auch nach der Wiedereinsetzung der Gleichheit Situationen gibt, die unsere Barmherzigkeit herausfordern {15}.

Das kämpferische soziale Klima der Arbeiterbewegung schuf für das barmherzig diakonische Handeln einen neuen Kontext. In vielen Menschen ist der Hunger nach Veränderung aufgebrochen und sie gingen einen gemeinsamen Weg. Auch Unfallopfer, Kranke und andere Hilfsbedürftige gehören zu dieser kämpfenden Gemeinschaft. Manches konnte rechtlich erreicht werden und steht doch wieder infrage. Neue Schwierigkeiten sind aufgetaucht.

In welchem gesellschaftlichen Aufbruch und spirituellen Visionen kann sich diakonisches Handeln heute verorten, damit es nicht zu einer entwürdigenden, von den lebendigen Gemeinschaften losgelösten Betreuung am Rande oder geradezu außerhalb der kommunizierenden Gesellschaft wird?

Exerzitien auf der Straße

Spirituelle Wege sind Wege der Herzen. Keiner kann sie erdenken. Sie sind offensichtlich unplanbare Geschenke.
Durch einige Menschen wurden uns in Berlin Zeiten der Aufmerksamkeit mitten in der Stadt geschenkt. Wir, eine kleine Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“, nennen die daraus entstandenen Kurse: Exerzitien auf der Straße. Es handelt sich um Übungen im offenen Raum der Straße {16}. Sie beginnen für die meisten Teilnehmer/innen mit der Frage nach ihrem oft wiederkehrenden Ärger oder ihrer Traurigkeit. In ihnen spiegelt sich ihre persönliche Sehnsucht; ihr Wunsch nach einer eigenen oder einer gesellschaftlichen Änderung wird in den Gefühlen der Wut oder Traurigkeit greifbar. In ihnen wird deutlich, was sich ändern soll. Die Sehnsucht ist ein Aspekt unserer Würde und zentraler Handlungsimpuls. Wenn wir ihr folgen, dann spüren wir unsere Einmaligkeit und ahnen etwas von dem Schöpfer, der sie uns geschenkt hat. Gott vertraute uns in unserer Sehnsucht einen Aspekt von sich selbst an. Wir können ihn über diesen zentralen persönlichen Wunsch ansprechen.

Leiden wir an dem achtlosen oder hochmütigen Übersehen von Menschen, dann könnte sein Name für uns lauten: Du Gott, der Du mich schön ansiehst. Wenn wir im Gebet merken, dass diese Worte eine für uns angemessene Anrede sind, beginnt darüber vielleicht die Kommunikation mit dem Ursprung unseres Lebens. Wir können üben, uns von ihm in seiner Liebe schön ansehen zu lassen und dies auch bei anderen tun {17}.

Wenn die Teilnehmer/innen in der Kommunikation mit dem Fundament ihres Lebens, wie immer sie es auch umschreiben mögen, Kontakt gefunden und den Alltag zurückgelassen haben, dann erzählen wir ihnen einen kleinen Abschnitt aus der Geschichte von Mose {18}: Mose hütet die Ziegen und Schafe seines Schwiegervaters Jetro. Eines Tages treib er die Tiere über die Steppe, wo sie Futter finden konnten, hinaus in die Wüste an den Berg Horeb. Dort sieht er einen Dornbusch brennen, der aber nicht verbrennt. Mose will sich dieses Schauspiel ansehen. Auf dem Weg sagt ihm eine Stimme, er stehe auf heiligem Boden und er solle deshalb seine Schuhe ausziehen.

Mit dieser über 3000 Jahre alten Geschichte schicken wir die Teilnehmer/innen los, den persönlichen Ort zu entdecken, an dem sie ähnlich wie Mose neugierig werden und den sie näher betrachten wollen. Wir raten ihnen in angemessener Entfernung ihre Schuhe auszuziehen und auch andere Aspekte der Distanz zur Wirklichkeit, wie Vorurteile, beiseite zu legen. Wir laden sie wie bei jeder Meditation ein ins Jetzt zu treten. Dann ist es gut, die Schuhe des Weglaufens z.B. in der Warteschlange vor einer Suppenküche beiseite zu stellen oder die hochhackigen Schuhe, sich als jemand besseres anzusehen, wenn er oder sie mit einem obdachlosen oder drogenkranken Menschen auf einer Bank sitzt.

Der kratzige, brennende und nicht verbrennende Dornbusch, den Mose gesehen hat, kann für den einen eine unversöhnte Situation in seiner Geschichte oder seines Volkes, für eine andere das Erinnern an eine notwendige, doch schon lange rausgeschobene Entscheidung sein. Wir laden die Teilnehmer/innen ein, Gott da zu suchen, wo er auf sie wartet, ganz gleich, ob es auf einem Kinderspielplatz ist, vor einem Gefängnis, in einem Krankenhaus, auf einem Friedhof oder an einem Gedenkstein für ermordete kranke Menschen im III. Reich. Wenn sie sich, von ihren Herzen geführt, dort ganz in die Realität stellen, ihre Schuhe und andere Sicherheiten ablegen {19}, werden die inneren Mauern kleiner und es beginnt eine Zeit des Wahrnehmens, des Hörens. Oft tauchen zuerst schon lang bekannte Geschichten auf: Mose hörte am Anfang von der Unterdrückung seines Volkes, die er kannte. Von dort war er geflohen, nachdem er einen Aufseher erschlagen hatte. Nun sollte er in diese schon lange zurückliegende Situation zurückgehen. Er bekam Angst und viele Ausreden fielen ihm ein. Uns geht es oft ähnlich, dass wir in solchen Situationen der Offenheit durch einen Wald der Angst gehen müssen und uns viele Gründe einfallen um auf die innere Stimme der Ermutigung nicht zu hören. Manches in uns muss erst heilen. Dann finden wir Selbstachtung und lernen auch vor der Anwesenheit Gottes in uns selbst die Schuhe der Distanz auszuziehen.

In den Exerzitien auf der Straße gehen die Menschen ganz unterschiedliche Wege. Abends erzählen alle ihre Geschichten des Suchens nach der Anwesenheit Gottes. Manchmal hören wir neue biblische Geschichten des Auferstandenen. Fast unbemerkt werden die Tage zu einem Weg der Nähe zu den Menschen, denen die Teilnehmer/innen vorher nicht über den Weg trauten oder vor denen sie sich geekelt haben. Sie werden zu Geschwistern, wie Jesus verheißen hat {20}.

An den Abenden bieten die Begleitenden vor der folgenden Erzählrunde einen Gottesdienst an. Gegen Ende der Exerzitientage wird dabei meist der Text aus dem Johannesevangelium von der Fußwaschung Jesu {21} gelesen und anschließend folgen wir der Weisung Jesu, uns gegenseitig die Füße zu waschen. Bei dieser Handlung entdecken wir besonders leicht den heiligen Boden unter uns, auf dem wir nun schon geübt aus Respekt die Schuhe ablegen. Wir spüren leichter die Realität in und um uns und werden zu aufmerksam Hörenden.

Erfahrungen werden zum Maßstab eigenen Handelns

Alle Evangelisten berichten von dem Abschiedsabend Jesu mit seinen Jüngern. Er feierte mit ihnen das Paschafest, bei dem die Erinnerung an die Befreiung unter Gottes Führung aus der Sklaverei in Ägypten lebendig wird. Jesus stellt sich neu in die Geschichte seines Volkes und bekräftigt sein Ja zur Weisung Gottes. Wieder isst er mit Zöllnern und Sündern. Diese Offenheit Jesu ist eine Grenzverletzung, die am nächsten Tag seine Verurteilung durch die Machthabenden zur Folge hat. Sie müssen auf die Grenzen des Erlaubten achten, die zum Wohl des ganzen Volkes errichtet wurden. Ihre eigene Macht steht mit auf dem Spiel. Jesus ist zum Störfaktor geworden und bekennt sich beim Abschiedsmahl zu seinem geschwisterlichen, grenzüberschreitenden Verhalten. Auch die erwartete Tischordnung wird umgeworfen und Jesus begegnet uns als Tischdiener {22}. Außerdem weist Jesus die Entscheidungsstrukturen zurück, wie sie in allen Gesellschaften praktiziert werden: „Die Könige der Welt unterdrücken ihre Völker und die Tyrannen lassen sich Wohltäter des Volkes nennen. Bei euch muss es anders sein!“

Jesus hat die Menschen über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg eingeladen, sich gegenseitig zu achten und miteinander zu essen. Diese frohe Botschaft stellt – wie wir in der Geschichte immer wieder neu erleben – für alle menschlichen Ordnungen die Gefahr dar, dass ihre Ausschlusskriterien hinterfragt werden. Jesus lädt zu dieser Freiheit vor dem Gesetz ein und bestärkt gleichzeitig entschieden das Gesetz zum Schutz der Schwachen. Dazu gehört für ihn auch, sich lieber mit ihnen von den Herrschenden „im Namen des Gesetzes“ ausgrenzen zu lassen, als die Verbundenheit mit ihnen- gar um des eigenen Vorteils willen – aufzukündigen.

Ebenso der Evangelist Johannes, der das Mahl nur beiläufig erwähnt, „zeigt Jesus als Tischdiener für die Jünger. Dabei bringt er die beiden Themen Diakonia und Freundschaft in eine neue Beziehung“, stellt Margareta Gruber fest {23}. Johannes fasst den Sinn dieser exemplarischen Zeichenhandlung auch in einer Ermahnung zusammen: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ {24}

Jesus hat die Freundschaft von Menschen angenommen, die ihm in Notlagen vertrauten, ihm mit ihren Tränen die Füße wuschen und sie salbten. Nun zieht er in seiner bedrückenden Lage vor den Jüngern sein Obergewand aus, so wie Mose vor der Anwesenheit Gottes im Dornbusch die Schuhe auszog. Jesus legt symbolisch jeden Schutz ab und wird verletzlich. Die Jünger dürfen seine Freundschaft nochmals erfahren um aus diesem Erleben heraus zu handeln. Sie erleben das Feuer aus dem Dornbusch in ihrer Mitte, das brennt und nicht verbrennt. Am nächsten Tag wird es noch greifbarer, als Soldaten Jesus zum Spott eine Dornenkrone aufsetzen. Mitten in diesem kleinen Dornbusch wird die Gegenwart des mitgehenden Gottes unter uns sichtbar. Nun können wir den Namen Gottes neu aussprechen. Der Gekreuzigte steht uns gegenüber, den wir später als den Auferstandenen unter uns entdecken dürfen.

Das Annehmen der Freundschaft Jesu – die Erfahrung der Teilhabe an seinem Leben und aller anderen Menschen – wird zur Voraussetzung um aus seinem Geist zu handeln. Petrus wehrt sich spontan gegen diese grenzüberschreitende Rollenverkehrung zwischen Meister und Schüler {25}. Diesem Verhalten gegenüber erzählt Johannes von Maria, die sich in das Heilsgeschehen wortlos mit hineinnehmen lässt und Jesus mit kostbarem Öl die Füße salbt und sie mit ihren Haaren trocknet {26}. Sie ist eingetreten in die Gegenseitigkeit der Beziehung, in der Jesus Anteil gewährt an seiner Liebe zum Vater und auf Antwort hofft.

Das prophetische Nein, der Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit, alles diakonische Handeln, welches in der dankbaren Annahme der Freundschaft Gottes seinen Grund hat und sich aus diesem Erleben heraus erneuert, befindet sich wohl in der Nachfolge Jesu. Auch Spiritualität, die sich dieser Freundschaft verpflichtet weiß, wird sich durch Barmherzigkeit auszeichnen und den Mut aufbringen, nach der inneren Einheit mit Gott zu suchen und daraus zu handeln.

Schlussüberlegungen

Das liebevolle Sehen, also eine spirituelle Offenheit für die Impulse im sozialen Kontext, ist ein innerer Anstoß für diakonisches Handeln. Die in der Praxis erfahrene Wirklichkeit fordert außerdem neu zum staunenden Sehen heraus. Wir werden überwältigt von Menschen in Notlagen und auch vom Großmut vieler Helfenden. Dann bemerken wir, wie wir zu einer großen Familie gehören.

Mitten in dieser Freude stoßen wir aber auch auf eine innere Einsamkeit, auf unser unzureichendes Handeln und damit wohl auf unseren Hunger nach Gemeinsamkeit mit dem Ursprung des Lebens, nach Gott. Wollen wir uns dieser Quelle des Lebens öffnen, dann sollten wir unsere Schuhe und alle Nützlichkeitserwägungen ablegen. Wir werden Gott oft als Störung in unseren zielgerichteten Lebensentwürfen erfahren. Seine in uns tief verankerten Befreiungshoffnungen erscheinen uns zuerst als Überforderungen. Mose sollte sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit führen. Unvorstellbar. Gott traut uns die Einheit mit sich zu und hofft, dass wir aus dieser Gemeinsamkeit leben und ihn in seinem Eingreifen nicht behindern. Ein erster Schritt: Wir könnten lernen, sein Handeln an uns anzunehmen.

Diese Erfahrung öffnet uns dann für den Menschen in uns, der in der Freude lebt, wie sie am Anfang der Bergpredigt in den Seligpreisungen beschrieben wird: dieser Mensch, der in Einheit mit Gott arm lebt, der sich trösten lässt und auf Gewalt verzichtet, der hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, der barmherzig und ohne Hintergedanken handelt. In dieser Freude werden wir wie Jesus zum Friedensstifter, der die Verfolgung lieber auf sich nahm, als seine Offenheit und sein Handeln zu verraten {27}.

Anmerkungen

{1} Mt,13,23
{2} Lk 10,29-37
(3} Lev 19,33-36
{4} Auslegung von „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Leviticus 19,18) durch Rabbiner Yehuda Teichtal in der Kath. Akademie Berlin am 7.4.08. Vgl. Mt 22,39
{5} Dt 6,4
{6} Mt 4,4
{7} Lk 10,31-32
{8} Jes 1,10-17; Jer 7,1-11
{9} Lk 10,38-42
{10} Phil 2,6-11
{11} in ihm sind wir neu gezeugt und dadurch Kinder/Erben Gottes: Röm 8,17
{12} Mk 3,34; Mt 19,29
{13} In den USA nennen sie sich „tent maker“ (Zeltmacher) in Erinnerung an den Beruf von Paulus (Apg 18,3), der seinen Lebensunterhalt mit den eigenen Händen verdiente. Vgl. 2 Kor 11,7-12; 12,13-18. In Deutschland wird die Gruppe Arbeitergeschwister genannt, weil sich in ihr Frauen und Männer aus unterschiedlichen Kirchen in diesem Geist vereinigt haben, die gesellschaftliche Grenze zwischen akademischen und manuellen Arbeiten zu überschreiten. Literatur: Albert Koolen/Veit Straßner: Leben im Schatten von Kirche und Gesellschaft: Arbeiterpriester in Frankreich und Deutschland, in: Theologie der Gegenwart, 47 (2004) 2, S. 101-115; Thomas Schmidt/Veit Straßner: Von der Mission zur Suche nach dem Reich Gottes. Zur Geschichte und Zukunft der Arbeiterpriester-Bewegung, in: Henriette Crüwell/Tobias Jakobi/Matthias Möhring-Hesse (Hrsg.): Arbeit, Arbeit der Kirche und Kirche der Arbeit. Beiträge zur christlichen Sozialethik der Erwerbsarbeit. Festschrift zum 68. Geburtstag von Friedhelm Hengsbach SJ [= Studien zur christlichen Gesellschaftsethik], Münster: LIT-Verlag 2005, S. 249-263; Veit Straßner Die Arbeiterpriester: Geschichte und Entwicklungstendenzen, Frankfurt 2005 in: www.sankt-georgen.de/nbi/pdf/fagsf/FAgsF%2043_mit%20Titel.pdf
{14} Lk 4,17-21
{15} Lev 25
{16} Zur Entstehungsgeschichte: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen – Exerzitien auf der Straße, Würzburg 2006; Christian Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen – Exerzitien auf der Straße, in Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien 55 (2005) Heft 89 19 – 25; Berichte und aktuelle Nachrichten: www.con-spiration.de/exerzitien
{17} Christian Herwartz, Entdecken der Mysterien des Alltags in: Wort und Antwort 49 (2008) Heft 2
{18} Ex 3,1-15
{19} Jesus zählt die behindernden Dinge exemplarisch auf, als er die 72 Jünger aussendet: Lk 10,4; vgl. auch Christian Herwartz, Mitten in der Stadt hörend werden, in Meditation, Zeitschrift für christliche Spiritualität und Lebensgestaltung. 34 (2008) Heft 4
{20} Mk 10,30
{21} Jo 13,1-15
{22} Lk 22,24-27
{23} Margareta Gruber, Freundschaft als Lebensform. Zur jesuanischen Fundierung einer Gestalt von Nachfolge, in: Margareta Gruber, Stefan Kiechle (Hg.) Gottesfreundschaft. Ordensleben heute denken, Würzburg 2007, S. 128
{24} Jo 15,12-14
{25} dito S. 129
{26} Jo 12,3, vgl. Lk 7,36-50
{27} Mt 5,3-12

in: Kirchen gegen Armut und Ausgrenzung. Dokumentation des Kongresses in Heidelberg (6.-8. März 2008), hg. von Florian Barth, Klaus Baumann, Johannes Eurich, Fritz Lienhard und Heinz Schmidt (DWI-Info Sonderausgabe 11), Heidelberg 2009.

Workshop 1: Diakonie und Spiritualität, Beispiele gelebter Spiritualität
Moderation: Pfrin. Marita Lersner, ev. Kirche, Berlin, Christian Herwartz, S.J., Berlin