Radiosendung über die Exerzitien auf der Straße

Auf nackten Sohlen

Gott auf der Straße suchen

Von Ute Eberl, Berlin

Geistliche Übungen im Lärm der Großstadt statt in der Abgeschiedenheit eines Klosters. Eine verrückte Idee. Die Gruppe Ordensleute gegen Ausgrenzung bietet genau dies an: Straßenexerzitien. Mitten in Berlin machen sich Frauen und Männer auf, um Gott auf den Straßen der Stadt zu suchen: auf nackten Sohlen – die Schuhe des Besserwissens und Besserseins ziehen sie aus.

„Ich suche Gott, können sie mir da weiterhelfen?“ Auf den Straßen von Berlin kann es einem durchaus passieren, dass man mit dieser Frage nach Gott überrascht wird. Möglicherweise gehört der Fragende zu einer Gruppe von Männern und Frauen, die gerade in Berlin bei dem Jesuitenpater Christian Herwartz Exerzitien macht. Exerzitien allerdings in einer eher ungewöhnlichen Form. Diese Exerzitien finden nämlich nicht in der Stille eines Klosters statt, sondern mitten in der Stadt. Eine verrückte Idee. Mitten in Berlin, im Stadtteil Kreuzberg, lädt der Jesuit Frauen und Männer ein, Gott auf den Straßen der Stadt zu suchen.

In der Einladung heißt es schlicht:“Sich Gott nähern, wo er auf uns wartet, in Hungernden, Durstigen und in den verdrängten Themen unserer Lebensgeschichte.“ Und weiter: „Die ‚Exerzitienreise’ zu diesen Orten der Gottesbegegnung ist ein tastender Weg, auf dem wir unsere Schuhe des Besserwissens, des Hochmutes, des Besserseins ausziehen müssen, um wie Moses vor dem brennenden Dornbusch zu stehen. Als Zusatz steht dabei: Diese Exerzitien sind kein Sozialpraktikum! Mich macht das neugierig und ich schau’ mich mal um.

In der Pfarrei St. Michael, im Berliner Stadtteil Kreuzberg, sind die Gottsucher für 10 Tage im Keller einquartiert. In den Wintermonaten steht er Obdachlosen als Notunterkunft zur Verfügung. Hier erwartet die Teilnehmer ein einfaches Matratzenlager. Hier beginnen und beenden sie ihre Tage. Zwischen Frühstück und Gottesdienst, Abendbrot und gemeinsamer Gesprächsrunde ist jeder für sich allein unterwegs auf den Straßen von Berlin – und auf den Wegen seines Lebens.

Am Anfang der Exerzitien erzählt Pater Christian die biblische Geschichte vom brennenden Dornbusch. Jene Geschichte von Moses, der mitten in seinem Alltag beim Ziegenhüten etwas Ungewöhnliches sieht: einen Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt „Glücklicherweise ist Moses nicht weggelaufen!“, so der Jesuitenpater, „er ist neugierig geworden und hat sich dem Dornbusch genähert.“ Herwartz erinnert daran, dass Moses eine Stimme hört, die ihm sagt: „Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden, weil ich mit Dir reden will“. Die Schuhe ausziehen ist ein zentrales Bild der Straßenexerzitien. Der Exerzitienleiter erklärt die Bedeutung, während er selbst langsam seine Schuhe auszieht: „Seine Schuhe ausziehen heißt sich bereit machen, zuzuhören. Sich nicht über andere erheben oder auf seiner Überlegenheit bestehen. Den Dünkel ablegen, die besseren oder schöneren Schuhe zu haben.“

Das Unternehmen Straßenexerzititen lässt aufhorchen: nicht nur Lourdes, Altötting, Santiago de Compostela, sondern die Straßen von Berlin können zum heiligen Boden, zum Ort der Gottesbegegnung werden.

Am ersten Tag werden die Teilnehmer in die Straßen der Stadt entlassen mit einer Frage im Gepäck: „Spür nach, worüber Du Dich immer wieder ärgerst, worüber Du regelmäßig traurig wirst!“

Nein, nein, nicht dass man zu Beginn dieser Exerzitien diese Frage schon beantworten können müsste, eins nach dem anderen!

Eine Frau berichtet:

“ …etwas grundlegendes in mir zu finden, das mich immer wieder stark bewegt – in welcher ‚Verpackung’ es auch daher kommt. Und dann nach der Sehnsucht zu fragen, die dahinter steckt. Das ist ein ungewohnter Zugang, ein zunächst seltsam anmutender Blickwinkel für Ärger und Traurigkeit. Mir Zeit lassen, erinnerte Situationen kommen und gehen lassen, den Ärger, die Traurigkeiten befragen nach dem tiefen Wunsch dahinter – es ist erstaunlich auf welche Sehnsucht ich stoße! Woher kommt sie? Hat Gott sie in mich hineingelegt?“

Der Weg der Exerzitien geht über existentielle Erfahrungen. Erfahrungen, die auch weh tun. Herwartz drückt es noch schärfer aus: „der Exerzitienweg geht über das Nein sagen! Über Situationen, in denen alles in dir ‚Nein’ schreit, weil Deine Hoffnung auf ein stimmiges Leben verletzt wird.“ Das ‚Nein’ wahrnehmen ist also der Anfang, weil in dem deutlichen Nein die Sehnsucht nach einem anderen Leben, einem anderen Verhalten von einem selbst oder von anderen Menschen spürbar wird.

Ein Stolperstein ist das. In sonntäglichen Gottesdiensten bin ich gewohnt, ‚Ja’ zu sagen, das Glaubensbekenntnis abzulegen und mit meinem ‚Amen’ zuzustimmen.. Aber es stimmt schon, der Start in das Christenleben mit der Taufe beginnt anders: in der Taufe sagen wir – oder haben es andere für uns sagen lassen, weil wir noch kleine Kinder waren – wir sagen zunächst ‚Nein!’. Wir widersagen dem Bösen! Wir sagen ‚Nein’ zu all dem, was lebensfeindlich und zerstörerisch ist. Wir widersagen dem Bösen, weil wir das Leben in uns nicht verraten wollen.

Ein gut gemeintes ‚positiv Denken’ hilft also am Anfang dieser Straßenexerzitien nicht weiter. Die Aufforderung ist klar: nimm wahr, was Dein Leben und das Leben anderer zerreißt, schau hin, was Dein Gefängnis und das Gefängnis deiner Mitmenschen ist und spür die Sehnsucht in Dir. Dann kann dir das zum heiligen Ort, zur Gottesbegegnung werden.

Die Teilnehmer sollen sich anrühren oder auch stören lassen von Orten und Menschen, die sie bewusst oder unbewusst aufsuchen. Aufgabe des ersten Tages ist dabei nicht‚ irgend etwas zu erledigen oder zu erreichen, sondern einfach ‚wahrnehmen’ . „Achtet auf Euer Herz“– so der Jesuitenpater „und macht Euch berührbar“.

In der Bibel heißt es: Selig die Armen! Christian Herwartz liest daraus, „Selig, die nicht so tun, als ob sie großartig wären, selig, die die Rollen, an denen sie doch irgendwie hängen, loslassen können.“ Da ist nicht nur die materielle Armut gemeint. Trotzdem lassen bei den Straßenexerzitien die Teilnehmer schon auch mal bewusst die Geldbörse in der Unterkunft St. Michael zurück.

Eine Teilnehmerin merkt schnell, dass es weniger auf ihre Geldbörse als auf die Schuhe ankommt, die sie trägt.

„Ich sehe obdachlose Menschen im Park, eine uralte Oma in der U-Bahn Station, mehrere Bettler vor Kaufhäusern, eine Frau mit Kopftuch, die sich mit schweren Taschen abschleppt. Sonst sehe ich das auch, aber nur aus den Augenwinkeln, im Vorübergehen. Ich sehe, nehme aber nicht wirklich wahr. Schnell wird mir meine eigene Überheblichkeit bewusst. Ich ertappe mich dabei, die Menschen und ihr Verhalten zu beurteilen. Sollte der nicht lieber die Bierflasche weglegen und sich auf die Jobsuche machen? Könnte sie nicht ihre dreckige Schürze ablegen und eine saubere Bluse anziehen? Viele Menschen nehme ich nur als Problemfall wahr. Ich sehe nicht den Menschen hinter dem Alkohol und der Armut.“

Einige Tage später vermerkt sie in ihren Aufzeichnungen:

„Ich verbrachte einige Stunden mit zwei Obdachlosen auf einer Parkbank. Mir ging es an diesem Tag nicht gut. Da war viel Leere und Sinnlosigkeit in mir. Die beiden luden mich ein, mit ihnen auf der Parkbank ein Bier zu trinken. In der Begegnung mit ihnen spürte ich ein Angenommensein ohne Leistung, eine Einladung zum Daseindürfen mit allem Schwachen und Unbeholfenem in mir – weil sie auch einfach so da waren. Da kam etwas in mir zum Klingen, was nicht machbar ist: eine Einladung zum vorbehaltlosen Leben, zum Ja-Sagen zu dem, was einfach da ist. Ein mir heiliger Boden war entstanden.“

Am Abend kommen die Teilnehmer zurück nach St. Michael und erzählen, wie sie sich langsam an ihre persönlichen Orte angenähert haben. Die Suppenküche, eine Neugeborenenstation, das Abschiebegefängnis in Köpenick, ein Kreuzberger Hinterhof. Auch die entdeckten Schwierigkeiten, die Ängste und Dornbüsche in ihrem Leben kommen zur Sprache. Es geht nicht so sehr um ein Berichterstatten, als um den ganz persönlichen Zugang jedes Einzelnen zum Leben und zu Gott. Und natürlich hat hier auch der Zweifel an dem ganzen Vorhaben seinen Platz. Die anderen Teilnehmer und Christian Herwartz werden zu einem heilsamen Korrektiv.

Ein Teilnehmer beschreibt nach seiner Exerzitienzeit die Spannung zwischen dem eigenem Wunsch, gut sein zu wollen, und der Aufmerksamkeit, beschenkt zu werden:

„Ich schlendere auf der Straße und werde von zwei leicht Betrunkenen angesprochen: ‚wir haben auf Dich gewartet’, sagen sie mir, ich setze mich zu ihnen und verbringe zwei Stunden mit ihnen – nicht in der Haltung des Helfenden, sondern in der Bereitschaft, mich beschenken zu lassen von dieser Einladung. Was sich entwickelt, habe ich nicht in der Hand. Die beiden Obdachlosen wissen ja nicht, dass ihr Satz ‚wir haben auf dich gewartet’ in den Exerzitien Wort Gottes für mich geworden ist. Genauso wenig kann ich von mir ja wissen, ob ich Wort Gottes für andere bin. Nur: das ist ja gerade das Elend so vieler Frommer, auch mein Elend als Frommer: Ich will durch mein Leben, durch mein Wort, durch mein karitatives Engagement etwas von der Liebe Gottes weitergeben. Ich will Wort Gottes für andere sein – und bin es gerade so nicht. Gott macht zu seiner Botschaft an mich, wen Er will.“

Exerzitien machen – ob nun in einem Kloster oder auf der Straße – heißt, sich auf den Weg der Erfahrung zu begeben und nicht auszuschließen, dass Gott mir auf diesem Weg begegnen will. Diese Begegnung kann allerdings nicht gemacht und nicht erzwungen werden, sie ist Geschenk.

Ist das naiv, auf diese Weise Exerzitien zu machen? Sich Grenzsituationen auszusetzen und darin auf eine Öffnung Richtung Gottesbegegnung zu hoffen?

Natürlich ist es naiv. Aber wie sollte man sich sonst überhaupt auf Gott hin öffnen, ohne einfach ganz naiv mit ihm zu rechnen, mit leeren Händen. Die leeren Hände sind eine Herausforderung. Die Hände sind meist ja schon voll mit guten Ratschlägen und Hilfsangeboten .

Erfahrungen der Selbsterkenntnis bleiben da nicht aus:

„Im Einladungstext der Organisatoren für die Exerzitientage stand ‚Manchmal durchlaufen Sie dabei auch schmerzhafte Etappen der Selbsterkenntnis’. Die spüre ich bei der Begegnung mit der Frau auf der Parkbank noch nicht. Aber bei dem Besuch der Suppenküche der Franziskaner für Obdachlose im Stadtteil Pankow .

Helfen will ich dort zunächst. Beim Gemüseputzen und Obst schälen. Aber diese ‚Schuhe’ werden mir ganz schnell ausgezogen. ‚Wir brauchen Sie nicht. Es sind genug Helfer da’, wird mir zu verstehen gegeben. Ich setze mich zu den Menschen, die auf die Essensausgabe warten. Und erfahre dort eine weitere wichtige Lektion dieser Tage: eingeladen zu werden ist ein Geschenk. Ob wir eingeladen werden oder nicht, ist nicht unsere Sache.

In der Suppenküche werde ich schließlich ganz konkret eingeladen. Martha, eine Frau von über 70 Jahren, spricht mich an, bittet mich, sich zu ihr zu setzen. Nach und nach geht mir das Geschenk dieser Begegnung auf. Nach dem Besuch der Suppenküche führt sie mich zu den Stationen ihres Alltags: dem Wohnungsamt, dem Bürgerpark, dem Kaffeetrinken für Senioren in der evangelischen Stadtmission. So öffnet sie mir den Weg, mit ihren Freunden und Freundinnen in Kontakt zu treten. Am dritten und vierten Tag bin ich in der Suppenküche fast schon eine ‚alte Bekannte’. Ich fühle ein wenig von ihren Sorgen mit, weiß allmählich, was es heißt, sich in diese Schlange einzureihen. Ich bin dankbar für die warme Mahlzeit und das belegte Brot. Ich spüre: dies ist ein ‚heiliger’ Ort.“

Einen Mann zieht es in die Frühgeburtenabteilung der Frauenklinik. Vor dem Neugeborenenfenster fängt er plötzlich an zu weinen. Auf einmal kommt eine lange Jahre verdrängte Episode der eigenen Lebensgeschichte hoch – und der Mann lernt in diesen Tagen, Frieden mit sich selbst zu sch1ießen.

Ein sechzigjähriger Pfarrer teilt sein Mittagsbrot mit einem Obdachlosen am U-Bahnsteig: auf einem leeren Pizzakarton sitzend philosophieren die beiden miteinander über Gott und die Welt.

Bei den Abendrunden in St. Michael sprechen die Teilnehmer selbst davon, wie sie Tag für Tag langsamer werden, sich in ihnen eine Stille ausbreitet, die sie aufmerksamer macht. Auch aufmerksamer für ihre Sehnsucht. „Diese Sehnsucht“– so Herwartz – „könnt ihr als Zeichen der Gegenwart Gottes entdecken. Die Sehnsucht führt zu eurem Dornbusch.“

Urban, einer der Teilnehmer, hat seinen Dornbusch in mehreren Etappen entdeckt:

„Ein Mann links außen, in der Mitte eine halb liegende Frau und rechts ich. Seit drei Tagen gehöre ich irgendwie dazu. Die Frau will schlafen und beklagt sich, dass sie nicht schlafen kann. Ich esse in dem Moment einen Apfel und frage sie: ‚Sollen wir ein Schlaflied singen?’ Aber während ich noch kaue, beginnt sie in einer Art Singsang mit ‚Schlaf, Kindchen, schlaf’. Als sie abbricht, und als mein Apfel gegessen ist, beginne ich selbst zu singen, und plötzlich setzt sie sich senkrecht auf, schaut mich entgeistert an und fragt: ‚Woher kennst Du das?’ Ich antwortete: ‚Ich habe zwei Kinder’. Da erzählt sie – jetzt – hellwach, als hätte das Schlaflied die Schleusen eines Staudamms geöffnet: ‚Ich habe fünf Kinder, das jüngste ist mit zehneinhalb Wochen gestorben. Nachts um halb zwei haben sie aus der Klinik angerufen: Kommen Sie, wenn Sie ihren Sohn noch einmal sehen wollen. Ich bin mit dem Taxi hingefahren. Da haben sie mir das Kind in den Arm gelegt – und tschüss. Schön, gell?’ Sie schaut mich an, und ich kann nur sagen: ‚Scheiße’. Sie wiederholt, als wäre es ihr Refrain: ‚Die haben mir das Kind in den Arm gelegt – und tschüss. Schön, gell?’ Mir bleibt nur, wieder zu antworten: ‚Scheiße’. Ich spüre, wie ich selbst traurig werde. Und dass meine eigene Trauer hochkommt, meine schlummernde Trauer um meinen zehnjährigen Neffen Daniel, der vor sieben Jahren unerwartet schnell gestorben ist. Mir reicht es, ich habe genug für heute.

Einer Alkoholikerin habe ich zu verdanken, dass ich nun weiß: Ich habe mit Gott noch eine alte Rechnung offen. Ich spüre Trauer und Wut über Daniels Tod.“

Am nächsten Tag entscheidet sich Urban, aus der U-Bahn dort auszusteigen, wo Kinder aussteigen, geht der Richtung einer Familie mit drei Kindern hinterher und landet schließlich in einem Park. Dort spielen eine ganze Menge Kinder und Urban malt mit einem Stück Kreide auf den Boden.

Er hat aufgeschrieben, wie es weiterging:

„Sie kommen und fragen: ‚Was machst Du da?’ Ich lasse sie raten, und sie kommen von selbst darauf, dass ich ein Labyrinth aufs Pflaster male. Sie gehen durch das Labyrinth, gehen rein und raus, spielen damit. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen, dass ich mich von meinem Neffen Daniel nicht richtig verabschiedet habe. Ich habe mich nicht verabschiedet von Daniel, ich bin in der Mitte meiner Trauer hängen geblieben. Da sehe ich, wie einer der Jungen den übrigen Kreidestummel nimmt und in die Mitte des Labyrinths schreibt ‚ANFANG’. Ja, genau das ist es: Ich bin in der Mitte meiner Trauer, denn ich habe mich nicht von Daniel verabschiedet. Jetzt muss ich das tun, jetzt muss ich mich irgendwie verabschieden von Daniel. Das muss ich machen. In dem Moment kommt von links eine ältere Frau mit einem Kind, etwa ein Jahr alt. Das Kind läuft tapsend mitten über das Labyrinth, kommt zu meiner Parkbank und schaut mich erwartungsvoll an. Ich sage ‚Hallo’. Die Frau ruft ungeduldig: ‚Daniel, komm, wir gehen’. Ich halte inne – unglaublich, in der Mitte meiner Trauer, meines Tun-Müssens kommt ein kleiner Daniel. Und als ob Gott, der für mich sorgt, noch deutlicher mit dem Zaunpfahl winken wollte, ruft die Frau auch noch: ‚Daniel, sag‘ tschüss’. Heiß und kalt lief es mir den Rücken herunter. Ich habe das auf mich bezogen. Ich beuge mich zu Daniel, streichele ihm sanft über den Rücken und verabschiede mich so von meinem Daniel: ‚Tschüss, Daniel’. Dann ging der kleine Daniel. So habe ich meinen Neffen dem Gott anvertraut, der für mich sorgt, und der mich begleitet. Der Ort war ein profaner Platz im Park, und gleichzeitig war das für mich heiliger Boden, so heilig wie der Boden am brennenden Dornbusch. Noch jetzt, Monate danach, wenn ich davon erzähle, wenn ich versuche das Wunder in Worte zu fassen, noch jetzt berührt es mich.“

Eine zufällige Begegnung auf der Straße wird zum heiligen Boden. Christian Herwartz ist wie die Teilnehmer der Straßenexerzitien überzeugt, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt, wenn man sich in das Versteckspiel Gottes mit den Menschen einlässt.

Die Straßenexerzitien sind eine Form neben vielen anderen, die eigene Gottessehnsucht zu spüren und ihr nachzugehen. Ob Pilgerwege, ein stilles Kloster, Exerzitien in der Großstadt oder noch ganz anders: Menschen unterbrechen ihren Alltag und machen sich berührbar.

Und wenn mich jetzt hier auf den Straßen von Berlin einer fragt:“Ich suche Gott, können Sie mir da weiterhelfen?“ Ja was antworte ich da … .

Doch, Gott ist auch hier in der Stadt zu finden. Er wartet schon auf dich, da, wo du wahrscheinlich gar nicht erwartest, ihn zu finden.

Herzlichen Dank an Christian Herwartz SJ für die Erfahrungsberichte!

Infos zu Straßenexerzitien: http://www.con-spiration.de/exerzitien

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Lutz Nehk, katholischer Senderbeauftragter für Deutschlandradio Kultur.