Straßenexerzitien in St. Peter

Janine Graeber

„Zieh die Schuhe aus…“ Diese Worte hörten wir von Pater Christian aus Berlin-Kreuzberg im Familiengottesdienst am Sonntag, 8.Juli 2007, in St. Peter. Darauf ließ er Taten folgen, denn er entledigte sich seiner Sandalen, hielt sie in die Luft und fragte, wie wir uns fühlen, wenn wir in unserem Leben die Schuhe ausziehen.

Mit ihm hatten sich vier Schwestern aus verschiedenen Orden für 10 Tage auf den Weg zu uns gemacht. Straßenexerzitien – was bedeutet das? Menschen, die teilnehmen, leben für zehn Tage miteinander in einfachen Quartieren. Von hier aus machen sie sich ohne vorgegebene große Zeitplanung auf den Weg an Orte, die sie innerlich berühren oder aufwühlen. Es kann ein unspektakulärer Ort sein, z. B. eine Bushaltestelle, aber auch ein Problemort, wie ein Gefängnis oder eine Drogenberatungsstelle. Dort zieht man seine Schuhe aus und ist mit voller Aufmerksamkeit an dieser ausgewählten Stelle, lässt die eigenen Gefühle zu, gerade auch unangenehme und spürt nach, warum man sich gerade diesen Fleck ausgesucht hat. Abends tauscht man sich gemeinsam über das Erlebte aus, reflektiert den Bezug zum eigenen Leben und zu Gott – dabei geben die Kursleiter geistliche Begleitung.

Unsere Gäste waren in den Räumen des Pfarrzentrums St. Peter beherbergt, wo sie zwar ein Dach über dem Kopf hatten, aber nicht den Komfort, den wir in unseren Wohnungen oder Häusern so kennen – man denke nur daran, dass es dort nur Waschbecken mit kaltem Wasser gibt und auch keine Betten! Tagsüber brachen sie zu Fuß oder mit Fahrrädern manchmal bei strömendem Regen auf, um bewusst zu erleben, wie Menschen und Situationen auf sie wirken oder welche Impulse sie selbst mit ihrem Auftreten setzen.

Eine Teilnehmerin besuchte zum Beispiel nachmittags ein Hospiz in Duisburg. Alle suchten Orte in Duisburg auf, an denen sie in sich Fragen spürten und versetzten sich – barfuss – in eine meditative Aufmerksamkeit.

Zwischendurch sah man Sr. Lucia, Sr. Petra Maria, Sr. Theresa, Sr. Bernadett und Pater Christian immer wieder mal langsam in betender Versunkenheit um das Pfarrzentrum herumgehen.

Im Gottesdienst erzählten uns die Teilnehmerinnen kleine Ausschnitte aus ihren Erfahrungen. Was für uns selbstverständlich erscheint oder als tot empfunden wird, kann für jemanden, der unseren Stadtteil mit einem anderen, offenen Blickwinkel sieht, als „Schatz“ erlebt werden. Das offene Grab an einem Friedhof mit betenden Angehörigen davor, die scheinbar „toten, unbewohnten“ Hochhäuser, zwischen denen sich die Natur mit Blumen und zwitschernden Vögeln breitmacht, ein Handwerker, der mit viel Konzentration arbeitet und dabei trotz aller Hektik um ihn herum ein Lächeln auf den Lippen trägt. Die Christusstatue in unserer Kirche kann „großmachend“ wirken, wenn man sich darunter, in ihren Schutz stellt. Behinderte Menschen auf dem Weg machen Aussagen wie „Du musst das sagen, was dir auf dem Herzen liegt“.

Unsere Gäste haben uns mit ihrer Anwesenheit Zeichen gesetzt, sind selbst zum Symbol eines Aufbruchs geworden. Können wir die Schuhe ausziehen? Wäre es für einen von uns vorstellbar, die „Ferien“ nicht in einer Pension an einem angesagten Urlaubsort zu verbringen, sondern irgendwo mitten in einer Stadt, die auch Brennpunkte und schwierige Situationen für uns bereithalten kann? Wie würden wir damit umgehen, wenn wir mit der eigenen Angst konfrontiert werden, mit wirklicher Armut, mit realem Leid, mit menschlicher Kälte und Ablehnung? Was würden wir tun, wenn wir mit wenig Geld und ohne Verpflegung eine Reise ohne Bequemlichkeiten antreten? Wie klein könnten wir uns machen? Wie lange würde es dauern, an die eigenen Grenzen zu kommen? Es gehört bestimmt eine gehörige Portion Mut dazu, sich in dieser Form auf den Weg zu machen. Mut und vor allem Vertrauen.

Beitrag im Pfarrblatt von St. Peter in Duisburg-Homberg Herbst 2007