Wo finde ich Gott in Berlin?

Stadt-Gottes-Redakteurin Eva-Maria Werner

Unsere Hauptstadt ist laut, hektisch, unübersichtlich. Und der ideale Ort für Exerzitien – meint der Jesuit Christian Herwartz. Seit sieben Jahren bietet er „Exerzitien auf der Straße“ an. stadtgottes-Redakteurin Eva-Maria Werner war dabei

Während Christian Herwartz die Geschichte von Moses und dem brennenden Dornbusch aus der Bibel vorliest (Ex 3), streift er langsam seine Schuhe ab. Die zwölf Teilnehmer der „Straßenexerzitien“ sitzen mit ihm im Kreis um einen schlichten orange-gelben Schal, den jemand um eine kleine Kerze gelegt hat. Schweigend nehmen sie den Impuls für den Tag in sich auf. „Wenn ihr gleich hinaus auf die Straße geht, lasst euch anrühren und stören“, sagt der Jesuit ruhig. „Anrühren von Situationen, Orten oder Menschen, die ihr bewusst aufsucht oder denen ihr wie zufällig begegnet.“

Aufgabe des heutigen Tages ist nicht, irgendetwas zu erledigen oder zu erreichen. Sondern: Menschen wahrzunehmen, sie wirklich zu sehen. Es ist eine Einladung, sich auf den Weg mit Jesus und zu den von ihm bevorzugten armen Menschen einzulassen. „Wenn ihr einen heiligen Ort gefunden habt, könnt ihr wie Moses die Schuhe ausziehen. Ihr könnt dort verharren und spüren, wie Gott euch an diesem Ort begegnet“, schlägt Christian Herwartz vor. Was bedeutet dieses (gedankliche) Ausziehen der Schuhe? „Es bedeutet, die Schuhe der Distanz abzustreifen, sich der Realität zu stellen, sich zu öffnen und eigene Sehnsüchte und Gefühle zuzulassen. Wer die Schuhe auszieht, kann nicht mehr so schnell vor einer bestimmten Situation davonlaufen.“

Bevor alle aufbrechen, verteilt Christian Herwartz eine Liste mit Anregungen für die Suche nach heiligen Orten in Berlin. Darunter: das Abschiebegefängnis in Köpenick, der Drogenumschlagplatz am Kottbusser Tor, ein Hospiz, die Mevlana-Moschee, das Jüdische Museum, eine Suppenküche… Mit einem Lied entlässt er die Suchenden für fünf Stunden auf die Straßen von Berlin: „Caminando va, Leben lebt vom Aufbruch, caminando va, machen wir uns auf!“ Wenig später stehe ich auf dem Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg. Was nun? Es ist ungewohnt, auf der Suche nach Gott in den Straßen einer Großstadt unterwegs zu sein. Welchen Weg soll ich nehmen? Wohin führt mich dieser Tag? Eine Teilnehmerin hat bewusst ihren Geldbeutel und ihre Hausschlüssel im Gemeindezentrum zurückgelassen – damit sie nicht auf die Idee kommt, Zuflucht in ihrem gewohnten Umfeld zu suchen.

Zum Glück ist das Wetter freundlich. Heute möchte ich mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt gehen. Ich sehe obdachlose Menschen im Park, eine uralte Oma in der U-Bahn-Station, mehrere Bettler vor Kaufhäusern, eine türkische Frau, die sich mit schweren Einkaufstüten die Straße entlang schleppt. Diese Menschen sehe ich sonst zwar auch, aber nur „aus dem Augenwinkel“, im „Vorübergehen“. Ich sehe, nehme aber nicht wirklich wahr. Schnell wird mir heute meine eigene Überheblichkeit bewusst. Ich ertappe mich dabei, die Menschen und ihr Verhalten zu beurteilen: „Sollte er nicht besser die Bierflasche weglegen und sich auf die Suche nach einem Job begeben? Könnte sie nicht ihre schmutzige Schürze austauschen gegen eine saubere Bluse?“ Viele Menschen nehme ich nur als „Problemfall“ wahr. Ich sehe nicht den Menschen hinter dem Alkohol, der Armut, der Ausgrenzung. Doch genau das tat Jesus! Er hat sich nicht in einen Palast zurückgezogen und nur die Reichen und Schönen zu sich eingeladen. Im Gegenteil! Er hat Ungerechtigkeit und Unrecht benannt, die Tische der Händler im Tempel umgestoßen. Und sich gleichzeitig zu den Kranken, Hungrigen und Obdachlosen gewandt. Ihnen seine Liebe und Zuneigung geschenkt.

Was bedeutet es für uns, wenn wir es ernst meinen mit der Nachfolge Jesu? Dann müssen wir die Grenzen der Bequemlichkeit, des Sicheren und Gewohnten überschreiten und uns mitten unter die Menschen begeben. Wie damals in Palästina gibt es auch in unserem Land große soziale Probleme, viele Menschen leben im Abseits, sind aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Wahrer Glaube wird nicht hinter verschlossenen Türen gelebt, sondern in Gemeinschaft mit Armen, Kranken, Obdachlosen, Ausgegrenzten.

Nach den Stunden auf der Straße treffen wir uns zum Austausch wieder im Kreuzberger Gemeindezentrum von St. Michael. Eine Frau berichtet von ihrem Gespräch mit einer Prostituierten: „Ich hatte anfangs Berührungsängste und 1000 Vorurteile.“ Doch im Laufe des Gesprächs gelang es ihr, die Frau als gleichberechtigte Gesprächspartnerin anzuerkennen. „Als sie ihren Beruf als Tauschgeschäft beschrieb – Körper gegen Geld – fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Auch wir verkaufen im Berufsleben unsere Ware, unsere Dienstleistung, manchmal sogar unsere Person.“ Zwar ist sie weiterhin skeptisch, sieht sehr wohl, dass viele mangels Alternativen gezwungen sind, als Prostituierte zu arbeiten. Ganz zu schweigen von der Zwangsprostitution. „Doch steht es mir zu, diese Frauen moralisch zu verurteilen? Nein! Jesus sagte: Wer von euch ohne Su¨nde ist, der werfe den ersten Stein.“

Eine Relativierung der eigenen Sichtweise und die Entlarvung des eigenen Ausgrenzungsverhaltens haben fast alle aus der Gruppe erfahren. Viele sprechen von Schichten, die sie abgelegt und Mauern, die sie durchbrochen haben. Sie haben sich „stören“ lassen, haben die Schuhe der Distanz, des Größerseins, des Vergleichens, des Urteilens und des verletzenden Zutretens abgelegt. Die Ahnung macht sich breit, dass Gott vor allem bei den Armen und Ausgeschlossenen zu finden ist. Christian Herwartz hört zu. Hier und da schiebt er eine Frage ein, versucht, einen Bezug herzustellen zwischen dem Erlebten und der Lebensgeschichte des Erzählenden. „Gab es auch fu¨r dich einen heiligen Ort?“, fragt er mich. Ich nicke. „An einer Kreuzung habe ich fünf Rosen gesehen, die an ein Straßenschild gebunden waren. Darunter standen Kerzen und mit einer Plastikfolie geschützt ein Brief. Darin erzählt ein Mädchen über die Liebe zu ihrem Vater, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Mich hat ihre Offenheit berührt, die Art und Weise, wie sie ihre Liebe zum Ausdruck bringt. Hoffentlich hat sie ihrem Vater das auch schon früher mitteilen können.“

„Gibt es Menschen in deinem Leben, denen du mal wieder zeigen könntest, wie sehr du sie magst?“ fragt Christian weiter. „Ja, die gibt es.“ Oft zeigt sich uns Teilnehmern erst im Gespräch mit dem Jesuiten und mit den anderen aus der Gruppe, welche Bedeutung sich hinter dem Erlebten verbirgt. Jeder kann hier für jeden zum Begleiter werden. Renate hat schon oft an Exerzitienkursen teilgenommen. „Dies ist meine Art, mich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen“, sagt sie. „Ich stehe der Kirche nicht besonders nahe, aber die Form des Sehens und Zuhörens, wie sie die Straßenexerzitien bieten, eröffnet mir eine Zugangsmöglichkeit zum Glauben. Das ist anziehend!“

Selbstkritisch erzählt eine andere Frau von ihrem Tag. Sie hat eine Postkarte mitgebracht. Darauf zu sehen: ein krähender Hahn auf einem Bücherstapel und ein brütendes Huhn. „Ich bin wie dieser Hahn“, sagt sie. „Fühle mich schlau genug, andere zu belehren, weil ich viele Bücher gelesen habe. Doch das eigentliche Leben spielt sich ganz woanders ab – beim Huhn. Es brütet still und geduldig die Eier aus, schenkt neues Leben. Ich möchte ein bisschen weniger Hahn und etwas mehr Huhn sein!“

Exerzitien auf der Straße sind heilsam: Unterwegs haben wir Orte gefunden, an denen wir einengende Grenzen bemerkten, unsere Lebensgewohnheiten infrage stellen, diese überschreiten und den Weg zu Heilung und neuen Lebensperspektiven finden konnten. Wir Teilnehmer sind erstaunt über die Fülle und Einsichten, die uns geschenkt wurden. „Wer sein zielgerichtetes Alltagsverhalten mal für einige Stunden unterbricht, lässt Raum für Begegnung zu“, sagt Christian Herwartz. Die „Exerzitien auf der Straße“ sind nicht nach einem Tag vorbei. Das „neue“ Sehen und Hören ist immer wieder möglich, wenn wir es wollen. Gott wartet auf uns, vor allem dort, wo wir es zunächst nicht erwarten.

Info-Kasten: Exerzitien auf der Straße:

Mehrmals im Jahr bietet Christian Herwartz zehntägige „Exerzitien auf der Straße“ an. Die Teilnehmer wohnen und kochen zusammen (in einer ehemaligen Unterkunft fu¨r Obdachlose), sind am Tag in den Straßen der Stadt unterwegs und kommen am Abend zum Gespräch zusammen.

stadtgottes 10/07 Seite 18 – 21