Anja Daud, Predigt zu Lk 11,1-13

In den 9-tägigen „Exerzitien auf der Straße“, die ich bis letzten Sonntag in Berlin machen konnte, habe ich viele interessante Erfahrungen und Begegnungen erleben dürfen.
Von einer Begegnung möchte ich ihnen heute erzählen.

Ich sah auf einer Bank 4 alte Menschen sitzen: 3 Frauen und einen Mann. Da ich von meiner Exerzitiengruppe für diesen Tag den Auftrag erhalten hatte, mal nur auf meine Gefühle zu hören, auf meinen Bauch, und nicht sofort den Kopf einzuschalten, der sagt: „Ne, das tut man nicht! Das kannst Du nicht machen! Was sollen die Anderen denn denken!“, fragte ich die 4 einfach, ob ich mich dazu setzen kann. Ich sagte: „Es sieht so gemütlich aus, wie sie hier sitzen und da hatte ich einfach Lust, dabei zu sein.“
Die Vier guckten etwas verdutzt, rückten aber zusammen und ließen mich auf ihrer Bank Platz nehmen.
Eine Frau fragte, warum ich ohne Schuhe und Tasche unterwegs sei und so erzählte ich ihr, dass ich Exerzitien mache und Gott suche.
„Wen? Gott? Hier? Bei uns? Naja, hier ist er bestimmt nicht!“ kamen die prompten, energischen Antworten von allen.
Die eine Frau klärte mich weiter auf: „Wenn’s Gott gibt – was ich ja überhaupt nicht glaube – hier ist er bestimmt nicht! Wir sind Realisten!“
Bumm! – mit solch einer Reaktion hatte ich nicht gerechnet.
Wenn dort junge Leute gesessen hätten, ja, dann hätte es mich nicht gewundert;
aber diese Antworten von Menschen zwischen 85 und 94 zu hören, kam überraschend für mich, das war mir total fremd. Hier bei uns ist es doch noch eher so, dass gerade die ältere Generation an Gott glaubt und betet.

Für 3 meiner 4 Banknachbarn war das Thema damit abgehakt.
Mit Herta, der Ältesten von ihnen, habe ich noch lange gesprochen. Sie interessierte sich für das, was ich hier in Berlin mache, was ich schon erlebt habe. Immer wieder aber sagte sie: „Ne, ich glaube nicht an Gott. Mein Mann und ich, wir waren Realisten. Außerdem habe ich beide Weltkriege mitgemacht. Wo war Gott denn dort? Warum hat er nicht geholfen? Das hat er alles gewollt? Ne, ich glaub nicht an Gott.“
Wir kamen immer intensiver ins Gespräch. Ich erzählte ihr von meinem Gottesbild. Ich erzählte ihr, dass ich auch vieles nicht verstehe, dass ich auch frage: Wo war Gott denn da? Warum? Dass ich glaube, dass ich auch mit Gott hadern darf, dass ich ihm meine Zweifel sagen darf, dass ich mich bei ihm beklagen darf. Die ganze Bibel sei voll davon.
Ich erzählte ihr von Menschen, die viel Leid mitgemacht haben und die – was mich auch wundert, was ich bewundere – die trotzdem gerade sagen: „Hätte ich meinen Glauben nicht gehabt, ich wäre durchgedreht; ich hätte das alles nicht so durchstehen können!“
Da wurde sie etwas traurig und sagte: „Ja, das ist euer Vorteil: da findet ihr dann bei Gott Kraft und Trost! Das haben wir nicht! Aber uns hat ja auch keiner den Glauben beigebracht. Meine Eltern haben nicht an Gott geglaubt; das war damals nicht üblich. Ah ja, dann erlebst du hier was in Berlin und kannst dann sagen: da war Gott! Ne, das ist schön. Das kann ich nicht. Das hab ich nie gelernt. Das ist euer Vorteil. Weil ihr glaubt, spürt oder seht ihr Gott auch.“
Ich bin reich beschenkt von dieser Frau weg gegangen.

Diese Begegnung fiel mir ein, als ich das heutige Evangelium las.
„Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet.“
Das hört sich so einfach an.
Doch: Diese Aufforderung Jesu zum Gebet, zum Bitt-Gebet an Gott, unseren Vater:
Widerspricht sie nicht all unseren Erfahrungen? Werden nicht viel mehr Bitten nicht erhört, als dass wir erhalten, um was wir gebeten haben? Hat es überhaupt einen Sinn, Gott um etwas zu bitten?
Eine Antwort könnte sein: Gott weiß, was er tut, wir müssen uns seinem Willen einfach fügen. Deshalb lasst uns Gott doch einfach loben, ihm danken, ihn meditieren – ihn aber bloß nicht bitten!

Doch Jesus scheint da anders zu denken. Er ermuntert seine Freunde: Erwartet von Gott etwas, seid keine Duckmäuser, macht euch nicht unnötig klein vor ihm, seht ihn als einen verlässlichen Partner in eurem Leben.
Dazu gehört es, den Namen Gottes heilig zu nennen, weil er Gott ist; dazu gehört, von seinem Reich alles zu erwarten; dazu gehört aber auch, um die ganz alltäglichen Dinge zu bitten, weil Gott gerade auch da hineingehört.
Jesus lehrt seine Jünger zu bitten und zu betteln, zudringlich, ganz konkret, vergleichbar mit einem, der nachts um zwölf an der Tür eines Freundes rüttelt.

Ja, ja, das steht dort. Aber nützt das alles was? Das beharrliche Bitten und Beten?
Damit hat jeder von uns sicherlich andere Erfahrungen gemacht.
Ich merke: oft hilft mir das Beten. Gott erhört nicht alle meine möglichen und unmöglichen Bitten, doch: mich mit meinen Sorgen und Ängsten, mit meiner Freude und meinem Dank Gott anzuvertrauen, macht mich häufig ruhiger, gelassener; es gibt mir neue Kraft.
So wie es ja auch schon oft hilft, wenn man mit jemanden über seine Probleme spricht oder sie niederschreibt – sie einfach beim Namen nennt.
Und es tut mir gut, immer wieder von anderen Menschen zu hören, die die Erfahrung auch gemacht haben, dass das Beten hilft.

„Ja, das ist euer Vorteil: da findet ihr dann bei Gott Kraft und Trost! Das haben wir nicht!“
Diese Worte von Herta gehen mir nicht aus dem Kopf. Sie kam ins Nachdenken als ich von meinen eigenen und den „geliehenen“ Erfahrungen mit Gott gesprochen habe.
Für mich war das noch mal der Auftrag: Erzählt Euch und Anderen von Euren Erfahrungen mit Gott, mit dem Beten und dem Bitten. Schaut nicht nur auf Eure unerhörten Bitten, sondern habt auch ein Gespür für die Momente, wo Euer Beten Gehör gefunden hat.

„Ja, das ist euer Vorteil: da findet ihr dann bei Gott Kraft und Trost! Das haben wir nicht!“

Und noch ein kurzer Nachtrag, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Als wir am letzten Tag der Exerzitien noch einmal an die Orte zurückkehren sollten, wo unser Herz in dieser Woche gebrannt hatte, ging ich wieder zu unserer Bank. Und tatsächlich: Herta war wieder da – mit ihr: Zwei – mir fremde – Frauen.
Sie stellte mich vor und erzählte, dass ich Gott auf den Straßen von Berlin suche.
Wieder dieselbe Reaktion: „Gott? Hier? Bei uns? Ne, ich glaube nicht an Gott. Ich bin Realist!“

Da unterbrach Herta die Beiden in ihrer Empörung und sagte nur: „Ne, hört zu! Anja ist auch Realistin – ich kenn sie ja jetzt näher – und trotzdem glaubt sie an Gott. Ich glaube jetzt: das geht!“