Predigt am Fest „Maria Aufnahme in den Himmel“

Michael Zimmer

Evangelium Lk 1,39-56

Liebe Schwestern und Brüder, das Evangelium am heutigen Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel erzählt uns von einer Begegnung; der Begegnung von Maria und Elisabeth in einer Stadt im Bergland von Judäa.

Begegnungen erleben wir alle ja tagtäglich auf sehr unterschiedliche Weise: Der Gruß im Vorübergehen, der Geschäftstermin, das gemeinsame Essen in der Familie, die zärtliche Berührung der Frau oder des Mannes, vielleicht erleben wir an manchen Tagen auch Nicht-Begegnung; dass wir uns gerne eine Begegnung wünschen, die dann aber ausbleibt… In jeder Begegnung erleben wir auch uns selbst als Funktionsträger im Beruf, ganz privat in der Familie…

In meinem Leben habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich die entscheidenden Begegnungen nicht planen kann; sie passieren; sie sind geschenkt. Mit dieser Erfahrung bin ich auch am Sonntag von Berlin nach Hause gekommen. 10-tägige Exerzitien auf der Straße lagen hinter mir, von denen ich Ihnen einfach ein wenig erzählen will, weil sich da so viel Begegnung ereignet hat.

Exerzitien heißt ja übersetzt Übungen. Wir sagen meistens: Geistliche Übungen. Bei den 10-tägigen Exerzitien auf der Straße ging es vor allem darum, respektvolles Sehen und Hören zu üben. Dabei hat uns eine Erzählung aus dem Alten Testament geleitet, die vielen von Ihnen bekannt ist: Mose begegnet Gott im brennenden Dornbusch (Ex 3,1-4,17). In dieser Begegnung sagt Gott zu Mose: „Leg deine Schuhe ab. denn der Ort, wo du stehst ist heiliger Boden.“ (An dieser Stelle habe ich unter Schmunzeln der Gemeinde meine Schuhe ausgezogen. Es hat halt einfach so gepaßt.)

In diesem „die Schuhe ausziehen“ steckt viel Respekt vor dem Anderen, aber auch das „Sich ganz Einlassen auf eine Begegnung.“ Schuhe sind Sinnbild für Schutz, den wir so oft um uns aufbauen, um uns nicht angreifbar, nicht verletzlich, unberührbar zu machen. Auch wenn uns das Leben sehr oft Distanz abverlangt, verhindert eine solche Haltung auch sehr viel an Begegnung. Wo wir uns nach wirklicher Begegnung mit Menschen und mit Gott sehnen, braucht es diese Bereitschaft zur respektvollen Sehen und Hören, zur Begegnung, bei der wir „Schuhe auszieheni Wie war das also in Berlin…

Eingeladen von der Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ wohnten wir – das waren 5 Männer und 4 Frauen begleitet von 2 Jesuiten und 2 Ordensfrauen – in einer Notunterkunft für Obdachlose im Keller des Gemeindezentrums St. Michael in Berlin-Kreuzberg. Hier trennte bis 1989 die Mauer nicht nur die Stadt Berlin, sondern auch die katholische Kirchengemeinde St. Michael in Ost und West; eine Trennung, die auch nach Öffnung der Mauer noch nicht überwunden werden konnte. Jeden Morgen trafen wir uns zu Frühstück und Morgengebet. Anschließend ging jede und jeder von uns auf die Straßen Berlins. Im Unterschied zu den touristischen Besuchern Berlins nahm ich weder Tasche noch Führer oder Stadtplan mit. Sich führen lassen von dem, was im Innern da ist an Gedanken und Gefühlen; sich führen lassen von Menschen, denen ich auf der Straße begegne; sich führen lassen letztlich von Gott. der uns im eigenen Herzen und im anderen Menschen begegnet.

Das war nicht einfach für mich und brauchte Zeit. Als Pfarrer ist der normale Alltag doch sehr geprägt von Terminen und Verpflichtungen, von eigenen Ideen und Aufgaben, die uns auferlegt werden. Herauskommen aus diesem „Funktionieren müssen“ ist gar nicht so einfach. Die Funktion schützt ja auch. Dort, wo ich immer nur funktioniere wie ein Zahnrad im Getriebe von Welt und Zeit, wird viel von meinem Menschsein zugedeckt und verschüttet.

Einfach respektvoll sehen und hören auf das, was uns begegnet; auf Menschen und Orte; ohne alles und jedes zu verzwecken oder einen bestimmten Ziel unterzuordnen; einfach dasein, sich führen und beschenken lassen von dem, was ist, das war eine der befreienden Erfahrungen, die ich von den Exerzitien mit nach Hause nehme; eine Erfahrung, in die ich mich allerdings erst wieder einüben mußte.

An zwei Orte zog es mich in Berlin gleich mehrmals hin: In die Hedwigskathedrale zum Grab des Berliner Domprobstes Bernhard Lichtenberg, der auf dem Gefangentransport ins Konzentrationslager Dachau am 5.11.1944 starb. Und zur Hinrichtungsstätte in Plötzensee, die heute Gedenkstätte ist für die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 und für alle, die schon vorher gegen das nationalsozialistische System Widerstand leisteten und hingerichtet wurden. Dazu wurde eigens ein Fallbeil von der Haftanstalt Bruchsal – also aus unserer badischen Heimat – nach Berlin-Plötzensee gebracht.

Unter den Ermordeten war auch der in Mannheim geborene Jesuitenpater Alfred Delp, der vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1942 in Plötzensee hingerichtet wurde. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum es mich gerade an diesen Ort hingezogen hat. Sicherlich hat mich die unheilvolle Allianz von Justiz, Verwaltung und Nationalsozialismus erschreckt; zu sehen, wie sich die Rechtsprechung zum Werkzeug eines menschenverachtenden Systems macht. Sicherlich hat mich Haltung der Frauen und Männer angerührt. die hier ihr Leben hingegeben haben für ihre Überzeugung.

Die Toten sind mir aber auch zu Freunden geworden, die mich an wertvolle Seiten in mir erinnern; die Toten schaffen Raum, in dem ich einfach da sein konnte; loslassen und ihnen anvertrauen konnte, was mich im Innersten bewegte; und das kam immer wieder auch in Tränen zum Ausbruch. Vielleicht kennen ja auch Sie solche heilsame Begegnungen mit Toten.

Am fünften Tag in Berlin zog es mich zur Mauer. Vor der Michaelkirche im Osten traf ich einen Mann, der mir erzählte von der Situation hier an der Grenze; von den Menschen, die im Osten an der Mauer wohnen durften, den Offizieren der Grenzmannschaften und den Parteimitgliedern, die heute noch hier wohnen und alt werden.

Er hat mir den Verlauf der Mauer beschrieben und mich schließlich zur East Side Galary geschickt. Nie wäre ich selbst auf die Idee gekommen dieses Stück Berliner Mauer aufzusuchen, das von Künstlern verschiedener Länder bemalt wurde. Als ich hinkam sah ich gleich am Anfang einen Schild mit der Aufschrift: 800 Meter – Blick hinter die Mauer. Das hat mich interessiert. Schnell fand ich den Spalt in der Mauer und bin durchgegangen. Im ersten Augenblick war ich sprachlos über das, was ich sah: Sandstrand mitten in Berlin am Ufer der Spree dort, wo bis zum Fall der Mauer der Todesstreifen war.

Ich habe die Schuhe ausgezogen, den Sand unter mir genossen und mich ans Ufer gesetzt. Diese Überraschung hat in mir Dankbarkeit ausgelöst. Mein Herz war plötzlich ganz voll davon. Vielleicht kennen Sie solche Momente, die kaum zu beschreiben sind; in denen wir aber von einem Größeren angerührt werden und letztlich nur staunen und danken können. Am liebsten will ich solche Mo mente festhalten, weil sie einfach so schön sind. Es ist aber nicht nur das Schöne, das mich in Berlin wie schon so oft innerlich angerührt hat.

Am vorletzten Tag der Exerzitien – vielleicht hat es diese Zeit des Reifens und Freiwerdens gebraucht – am vorletzten Tag der Exerzitien ist diese erlebte Fülle regelrecht aus mir herausgebrochen. Da waren viele Tränen. So viel, was einfach herausgeweint werden muß te an Trauer und Enttäuschung, an Wut und Unvermögen…

Als ich wieder zur Ruhe fand, war ich zwar erschöpft, fühlte mich aber erleichtert und frei. Wie für die Gnade der Fülle habe ich Gott auch für diese Gnade der Tränen Dank gesagt, auch wenn sie mich mit leeren Hä nden dastehen lassen; ohne Erfolgserlebnis oder Erfoltzesgarantie. ohne harte Fakten und Zahlen, ohne Beweise. Ich habe tatsächlich nichts in der Hand. Ich durfte aber bei diesen Exerzitien besonders intensiv erfahren. dass Gott unsere leeren Hände, unser offenes Herz füllt, manchmal mit Freude und tiefem Glück. manchmal mit Trauer und Tränen.

Nach Eucharistiefeier und Abendessen kamen wir jeden Abend zum Austausch in zwei kleinen Gruppen zusammen. Wir haben uns von unseren Erfahrungen auf der Straße, von Menschen und Orten erzählt und – davon bin ich überzeugt: Wir haben uns darin von Gott erzählt. der mittendrin ist im Leben, mitten auf der Straße, bei uns Menschen, besonders bei den Armen, Obdachlosen und Schwachen; bei denen, die „nicht funktionieren“ und nicht einfach in ein System passen.

Im Abschlußgottesdienst der Exerzitiengruppe haben wir das Evangelium von den Emmausjüngern gehört; davon, wie sie dem Fremden erzählen, was in Jerusalem geschehen ist und was sie im Herzen bewegt. Und wie für sie dieses Erzählen aus dem Leben zur Christusbegegnung wurde. Ermutigt davon haben wir im Sonntagsgottesdienst der Gemeinde St. Michael von unseren „Weggeschichten“ erzählt und uns von Gemeindemitgliedern segnen lassen.

Ein paar Bruchstücke wollte ich einfach auch ihnen, den Menschen mit denen ich hier in Baden-Baden leben und arbeiten darf weitergeben. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass unsere Kirche, unsere Gemeinde hier vor Ort, die Familie und Gemeinschaften, in denen wir leben, immer mehr zu Erzählgemeinschaften werden. Wo Leben ist, da ist Gott. Und wo wir vom Leben erzählen, da erzählen wir von Gott. Und vielleicht ereignet sich dann in unserem Leben, was Maria und Elisabeth im Bergland von Judäa erfahren haben: Dass wir im Innersten berü hrt sind; das sich Leben in uns regt und wie bei der Geburt eines Kindes hinein in die Welt kommen will. Amen.

15. August 2003 in St. Dionys, Baden-Baden