Karl Rahner, Christus in den Gefangenen

Gefängnisseelsorge
Ein theologischer Hintergrundtext von Karl Rahner,
leicht gekürzter Vortrag für Gefängnispfarrer:
aus: Sendung und Gnade (1961), S.447 – 463

… Was in dieser kleinen Besinnungsstunde bedacht werden mag, sei in die zwei Sätze zusammengefasst: In den Gefangenen … finden wir Christus den Herrn; in diesen Gefangenen finden wir uns, indem wir in ihnen unsere eigene verborgene Situation erblicken.

Christus in den Gefangenen

Wir finden Christus den Herrn in den Gefangenen; wir sollen ihn finden, er ist da wirklich so zu finden, dass wir ihm selbst für uns zu unserem Heil und unserer Seligkeit begegnen.

Ich brauche Sie nicht an Ihre Erfahrung als Strafanstaltsseelsorger zu erinnern. Sie haben diese Erfahrung, die bittere, die grausig-realistische, selbst besser, als ich sie Ihnen schildern und nahe bringen könnte: die Erfahrung der gescheiterten menschlichen Existenzen, der geistig und moralisch Defekten, der Labilen, der Psychopathen, der Boshaften, der Hochstapler, der Zynischen, der Heuchler und Lügner, der bloß Triebhaften, der Opfer der Verhältnisse, der Süchtigen, der haltlos Rückfälligen, der religiös Unempfänglichen, der armen Teufel, der Imbezillen. Auch wenn diese Erfahrung nicht die einzige ist, die Sie in den Gefängnissen machen, auch wenn Sie auch da Menschen begegnen, die Sie von vornherein nicht anders empfinden als sonstige — normale und anständige — Menschen, so hat Sie doch schon oft ein Grausen über diese Menschheit gepackt, die Ihnen da begegnet; Sie waren schon oft die Betrogenen, die Dummen, die mit Undank Belohnten, diejenigen, die vergebens an verschlossene Herzen pochten, die Hilfe leisteten, um dafür als Vertreter verhasster Institutionen selbst abgelehnt zu werden; Sie haben Vergeblichkeit erlitten und die Hoffnungslosigkeit solcher Bemühungen; Sie werden oft den Eindruck gehabt haben, dass all Ihre Mühe, Sorge und Liebe, Geduld und Arbeit in einen leeren Abgrund fällt, aus dem keine Antwort zurückkommt; Sie sind Menschen, die dem Bösen dauernd begegnen in seiner dumpfen, gereizten, hoffnungslosen, hässlichen Wirklichkeit. Sie wissen all das besser als ich.

Und nun lesen wir das Wort Christi, das unglaubliche, aufreizende, abenteuerliche Wort: Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch seit Anbeginn der Welt bereitet ist … denn im Gefängnis war ich und ihr seid zu mir gekommen … Da werden die Gerechten fragen: Herr, wann haben wir Dich im Gefängnis gesehen und sind zu Dir gekommen? Der König wird ihnen zur Antwort geben: „Wahrlich, ich sage euch: was ihr auch nur einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 34—40).

Ich meine, Sie sollten sich zunächst einfach freuen über dieses Wort. Es gilt Ihnen, es gilt ohne jede Übersetzung Ihnen, so, wie es damals gesprochen wurde. …

Aber dann müssten Sie erschrecken über dieses Wort: Es ist Ihnen geboten, den Herrn in denen zu finden, die Sie im Gefängnis besuchen. Welch erschreckende und überfordernde Aufgabe! Sagen Sie nicht, das Wort sei nicht so ganz ernst zu nehmen, verlangt sei doch im Grunde ein wenig menschliches Mitleid, ein wenig vernünftig dosierte Hilfe, ein nüchterner Realismus, der sich nichts vormachen lässt, aber auch nicht zu schnell an der Menschheit verzweifelt, sondern in einem humanistischen Optimismus an das Gute in jedem Menschen glaubt, es weckt und nochmals eine Chance gibt, es besser zu machen, und wo das nicht mehr geht, eben sich damit tröstet, dass es Psychopathien gibt, die ebensowenig zu heilen sind wie andere Krankheiten und einem auch nicht mehr zu Herzen gehen sollen als diese anderen Krankheiten, die schließlich alle zum Tode führen, unheilbar sind, ohne dass darum die Menschheit sich ihre gute Laune verderben lässt. Nein, und abermals nein. Es ist von Ihnen mehr verlangt. Sie sollen den Herrn in den Gefangenen finden; er soll Ihnen selbst zu Ihrem eigenen Heil in diesen Gefangenen begegnen. …

Wir müssen dieses Wort stehen lassen, wie es steht. Und es glauben. Wir können darüber nachsinnen, wie es wahr sein könnte, aber wir müssen es wahr sein lassen. Wir können darüber erschrecken, wie wenig wir von der sich entäußernden Liebe Gottes in Christus, von der Agape Gottes begriffen haben müssen, wenn wir nicht begreifen, dass es wirklich eine Liebe in der Welt, die Liebe Gottes nämlich gibt, die annimmt, wo wir nichts mehr sehen, was man annehmen könnte, eine Liebe, die sich nicht gnädig herablässt, sondern sich wirklich in aller Wahrheit und Wirksamkeit mit diesen Sündern identifiziert, eine Liebe, die sich entäußert und exponiert, einlässt und verschwendet, in der der Liebende sich selbst nur mehr durch den Geliebten hindurch findet. Wir können nachdenken, dass diese Liebe schöpferisch ist und verwandelt, dass sie ernsthaft und radikal bis zum Tod, zum Tod am Kreuz ist, dass sie sich hinabgewagt hat in die äußerste Leere der gottverlassenen, tödlichen Liebelosigkeit und da gesiegt hat, da alles angenommen hat, dass sie eine Liebe war, die den Sohn Gottes zum Fluch werden ließ, um wirklich zu retten, was wirklich unentrinnbar verloren ist, was von sich aus aussichtslos und hoffnungslos tot ist, was sich ingrimmig sperrt gegen die Liebe, was mit kaltem Hohn und zynischer Eindeutigkeit Liebe, Reinheit, Güte und Treue als verlogene Utopien abtut. Mit solchen Sündern hat sich diese Liebe in aller Wirklichkeit identifiziert. Denn sonst wären sie nicht erlöst, denn sonst wäre nur gerettet, was von sich aus heil ist ..

Wir müssen darüber nachdenken, glaubend und gegen unsere eigene „Erfahrung“, dass der Herr in aller Wahrheit in diesen Verlorenen ist, denen wir in den Gefängnissen begegnen: in ihnen ist durch seinen Liebeswillen, der das Nichtige und Verlorene beim Namen ruft und schafft, in ihnen ist durch seine Geduld, durch die Allmacht, die auch in diesem Strandgut der Weltgeschichte noch die Person, eine Ewigkeit, einen Bruder des ins Fleisch gekommenen Wortes Gottes, einen Geliebten, einen mit göttlicher Ernsthaftigkeit Ernstzunehmenden sieht, besser: schafft, indem er ihn liebend anblickt. In ihnen ist ER in aller Wahrheit, weil das Urmysterium der einenden und schöpferischen Liebe, die Gott selbst ist, nicht verstanden und damit das Wesen des Christentums radikal verkannt ist, wenn dieses Unwahrscheinliche, Paradoxe und unsere kurzsichtige Erfahrung radikal Überwältigende nicht bedingungslos glaubend angenommen wird.

Aber, wenn wir das Wort des Herrn verstehen wollen und den Herrn in den Gefangenen finden wollen, müssen wir nicht nur glaubend und betend darüber nachdenken, dass er in Ihnen ist, sondern noch mehr darüber, wie man ihn nun selber in ihnen finden kann….

Immer werden wir die verwundert Fragenden sein, wenn der letzte Tag kommt, wir werden ebenso fragen wie die, die den Herrn nicht besucht und nicht gefunden haben: Wann haben wir Dich im Gefängnis gesehen und sind zu Dir gekommen? (Mt 25, 39 – 44). Die Erfahrung also wird immer so sein, dass wir den Eindruck haben, er sei es nicht, man könne ihn in den Gefangenen nicht finden. Aber auf dieses Finden, obwohl man meint, nicht gefunden zu haben, auf dieses Sehen, obwohl man den Eindruck hat, ins Finstere zu schauen, auf dieses Haben, obwohl man meint, verloren zu haben, kommt es im Christentum gerade an. Und so auch hier.

Wir müssen ihn in den Gefangenen suchen und finden. Und es ist nicht leicht. Man kann ihn auch übersehen und blind an ihm vorbeigehen, selbst wenn man mit dem Leib und mit seiner „Pflichterfüllung“ in den Gefängnissen anwesend ist, selbst wenn man im Rufe eines guten Gefangenenhausseelsorgers steht. Was heißt nun, Christus selbst in seinen Brüdern im Gefängnis finden?

Es heißt zunächst einmal: ehrfürchtige Demut vor dem anderen Menschen, der ein Kind Gottes und ein Bruder Jesu Christi ist, ein Berufener, ein Geliebter Gottes, ein von der Gewalt göttlicher Liebe Umfangener. Wir wissen alle .., dass jeder noch in diesem Leben pilgernde Mensch zum Heil berufen, von Gott geliebt, von Christi Gnade umfangen ist, selbst wenn er sie noch nicht in Freiheit angenommen hat. Wir wissen, dass wir im Grunde keinen richten können, von gar niemandem mit absoluter Sicherheit sagen können, dass er in Gottes Gnade lebt, und so aber auch von gar niemandem sagen können, dass er sie verloren hat. Und so wie wir mit unbedingter Sicherheit im Vertrauen auf Gott für uns selbst die barmherzige Gnade Gottes erhoffen müssen und das ewige Heil, so haben wir dieselbe Pflicht der Hoffnung (da wir den Nächsten lieben müssen wie uns selbst) auch für jeden Nächsten.

Und wir wissen, dass in jedem Menschen ein ewiges Geschick am Werden ist und in aller Belanglosigkeit des Alltags und der erbärmlichen Dutzendware Mensch heranreift. Das alles wissen wir. Wir haben es nie bestritten. Aber wir leben es nicht. Diese unendliche Würde, dieser unverlierbare Adel, die Tatsache, dass jeder Mensch unendlich mehr ist als ein Mensch, ist bei uns weitgehend eine sehr dünne sonntägliche Ideologie, die wir theoretisch nicht bestreiten, weil sie uns nicht weh tut und uns im Alltag nicht hindert, den Normen und Haltungen des Alltags zu folgen. Wenn aber im nüchternen Alltag unser Blick, den wir auf den Nächsten richten, hindurchginge durch alle degenerierte Leiblichkeit, durch alle Fassaden seiner Triebhaftigkeit, seiner Dressate, seiner physiologisch bedingten seelischen Physiognomie, hindurch durch alles, was dieser andere selbst von sich denkt und will, durch alle Selbstinterpretationen, die ja nie die letzte Wahrheit eines Menschen von sich selbst sagen können, hindurch durch alle schicksalsbedingten Abläufe in einem solchen Leben aus Vererbung, Erziehung, Milieu, verborgener Krankheit, Psychopathien, ja selbst noch hindurch durch wahre, furchtbare Schuld, weil auch sie nicht das Letzte ist, weil auch sie noch (wie Paulus sagt) umfangen und eingeschlossen ist vom größeren und mächtigeren Erbarmen Gottes, wenn so unser Blick durch alles Vorläufige hindurch das Eigentlichste und Letzte im anderen Menschen suchte und fände, Gott, seine Liebe, sein Erbarmen, die diesem Menschen eine ewige Würde verliehen hat und ihm in der unbegreiflichen Selbstverschwendung göttlicher Torheit der Liebe reuelos sich selbst anbietet und anträgt, wenn dieser Blick da wäre nicht in einer Feierstunde, sondern dort, wo uns dieser Mensch mit seinem stumpfen Blick, seiner Unempfänglichkeit und seinem Armeleutegeruch begegnet, wo er uns mürrisch und gereizt, böse und unbelehrbar, dummschlau und raffiniert entgegentritt, dann würden wir diesem Menschen wirklich mit ehrfürchtiger Demut begegnen, die eigentlich uns in uns selbst auch keine höhere Würde und heiligere Berufung erkennen lassen kann, als sie in diesem anderen ist.

Und wenn wir ihn so in ehrfürchtiger Demut anblickten, dann würden wir in ihm Christus sehen, das menschgewordene Wort des Vaters, das überall (ob man es weiß oder nicht) verehrt und angebetet wird, wo ein anderer Mensch absolut ernst genommen wird, wo der Mensch weiß, dass es gar keine schlechte und furchtbare Erfahrung mit dem Mitmenschen geben kann, die den anderen Menschen so durchschauen könnte, dass sie ins Leere blickte anstatt in das Geheimnis Gottes, in dem das ewige Bild dieses Menschen verborgen ist, ohne das (wie Angelus Silesius sagt) Gott „nicht ein Nu kann leben“.

Es gibt den Menschen in Natur und Gnadenbestimmung, weil Gott den Gottmenschen, weil ER sich selbst als Menschen gewollt hat, weil es keine Wahrheit Gottes mehr gibt, die nicht die Wahrheit des Menschen wäre, weil Gott (aus freier Gnade ist es so, so aber wirklich so) nicht wäre, wäre der Mensch nicht.

Und dort also, wo die erbärmlichste Menschkreatur und der dummgemeine Schuft noch ehrfürchtig und demütig ins eigene Herz aufgenommen werden, da wird Christus aufgenommen und gefunden. Und (darf man so zu sagen wagen?) da am besten. …

Und weiter: es ist noch ein anderes Gottfinden im gedemütigten Nächsten möglich. Wenn wir dem erbärmlichen Nächsten so begegnen, wie wir es sollten, wenn wir ihn achten, ohne von einem Gefühl instinktiver, physiologisch bedingter Sympathie getragen zu sein, wenn wir verzeihen, obwohl wir uns dabei nur als die dumm Geprellten vorkommen, wenn wir uns wirklich verschwenden, ohne durch das Gefühl innerer Befriedigung belohnt oder durch Dankbarkeit entschädigt zu werden, wenn gerade solche Begegnung mit dem Nächsten uns unsagbar einsam macht und alle solche Liebe nur wie ein vernichtender Sprung in eine absolute Leere erscheint, dann ist eigentlich die Stunde Gottes in unserem Leben, dann ist ER da. Vorausgesetzt, dass wir nicht umkehren, vorausgesetzt, dass uns nicht unheimlich wird, dass wir uns nicht anderswo und -wie schadlos halten, dass wir nicht klagen, dass wir nicht uns selbst bemitleiden, dass wir schweigen, dass wir die Bodenlosigkeit und die Torheit solcher Liebe wirklich wagen und annehmen. Dann ist die Stunde Gottes: dann ist die scheinbar unheimliche Bodenlosigkeit unserer Existenz, die sich auftut in dieser hoffnungslosen Erfahrung des Nächsten, die Bodenlosigkeit Gottes, der sich uns mitteilt, das Anheben des Kommens seiner Unendlichkeit, die keine Straßen mehr hat, die wie ein Nichts gekostet wird, weil sie die Unendlichkeit ist. Wenn wir in solcher Begegnung mit dem Nächsten, in der wir durch das Irdische an ihm in seiner Haltlosigkeit hindurchzubrechen und ins Leere zu fallen scheinen, uns losgelassen haben und uns nicht mehr angehören, wenn wir uns selbst verleugnet haben und nicht mehr machtvoll oder selbstgenießend über uns verfügen, wenn alles in solcher Begegnung und wir selbst uns wie in eine unendliche Ferne weggerückt sind, dann fangen wir an, Gott zu finden, dann fängt diese einsame und schweigende Leere des inwendigen und wie verstörten Menschen an, sich mit Gott zu erfüllen, dann finden wir Gott, den Christus, der in die Hände des Vaters fiel, da er sterbend seine Gottverlassenheit bekannte. Das mag uns am Anfang ungewohnt vorkommen, dieses Sichselbstnichtmehrhaben mag uns erschrecken und uns die Versuchung überkommen, wie erschreckt in die Nähe, in die Dankbarkeit, in das spürbare Geliebtwerden zurückzuflüchten. Ja, wir werden dies sogar oft tun dürfen und müssen. Aber wir sollten doch allmählich lernen, in diesem Sterben das Leben, in dieser Einsamkeit die Nähe, in dieser Verlassenheit Gott zu finden. Erst wenn wir dies können, wenn wir in dieser Enttäuschung der Liebe zum Nächsten Gott selbst finden und erfahren, wird unsere Liebe zum Nächsten reif und Tat des Heiligen Geistes in uns. Sie kann dann wirklich langmütig und geduldig, ohne Arg werden und immer hoffend und nie enttäuscht sein. Sie findet ja immer Gott. … Man muss also den Nächsten und nicht seine eigene Erfüllung und Vollendung lieben und suchen, aber bis zum Ende kann man es nur, wenn man dabei Gott findet und diese wahre Liebe zum Nächsten umfasst und erlöst, geborgen und befreit ist dadurch, dass sie in der Liebe zu Gott geschieht, als Finden Gottes in Christus. Wer sich also dem tötenden Abenteuer der bedingungslosen Liebe zum Nächsten aussetzt, der findet Gott, und wer ihn findet, kann den Nächsten lieben wie sich selbst. Er erhält die Klarheit des Blickes desjenigen Glaubens, der die Wirklichkeit Gottes auch noch im verlorensten Menschen sieht, die ihn in aller Wahrheit mit demütiger Ehrfurcht liebenswert macht.

Wir finden Christus den Herrn in den Gefangenen; wir sollen ihn da finden; er ist da wirklich zu finden, so zu finden, dass wir ihm auch selbst für uns und zu unserem Heil und unserer Seligkeit begegnen.

Wir selbst in den Gefangenen

Wir finden in den Gefangenen uns selbst, indem wir in ihnen unsere eigene verborgene Situation erblicken. Jeder Mensch läuft sich selbst immer wieder davon. Nur vollendete Heilige könnten sagen, dass sie sich selbst nicht mehr über sich selbst betrügen. Nur die Vollendeten halten die Wahrheit Gottes in sich nicht mehr nieder. Die Wahrheit, dass wir Sünder sind; die Wahrheit, dass wir uns selbst suchen; die Wahrheit, dass wir in tausend groben und subtilen Weisen immer Gott und uns selbst zu dienen suchen; die Wahrheit, dass wir feige und bequeme, faule und störrische Knechte Gottes sind; die Wahrheit, dass wir das nicht tun, was wir tun sollen: Gott aus ganzem Herzen und mit allen Kräften lieben. … Wir sind die unfrei Gefangenen, wenn uns nicht der Geist Gottes, seine Gnade, befreit. … Und dessen sind sie, die wir besuchen, ein Bild, ein Bild aller derer, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, eingekerkert im Verlies ihrer Endlichkeit, ihrer durch Christus noch nicht befreiten, unter der Sünde, dem Fleisch, der Macht des Bösen versklavten Freiheit. Bild dieses Gefängnisses der „Welt“ ist das Gefängnis, in dem sich Ihre Tätigkeit abspielt, nicht in einem äußerlichen, künstlichen Sinn, nicht durch eine künstliche Analogie, sondern Bild als Erscheinung, als wahrer realer Typos, als Sichtbarwerden einer geheimen Wirklichkeit, die sich selbst in diesem realen Symbol ihre Erscheinung und Greifbarkeit schafft. Denn welche immer die nächsten Ursachen der Gefängnisse sein mögen und der Not ihrer Insassen, die eine und letzte Ursache ist die Schuld der Menschheit von Anbeginn an, die Schuld, die sich fortzeugt durch alle persönliche Schuld der einzelnen, die auch in Not, Krankheit und Unglück inkarniert uns anblickt, die Schuld, die auch in unserem eigenen Leben Macht ist, so dass, was wir die Gefängnisse und Zuchthäuser nennen, eigentlich für das christliche Verständnis des Daseins doch nur Einzelzellen greifbarer Art jenes einen großen Gefängnisses sind, das die Schrift die „Welt“, „diesen Äon“, die „Welt, die im Argen liegt“, den Herrschaftsbereich des Fürsten dieser Welt, den Machtbereich der Mächte der Finsternis, des Todes und des Bösen nennt.

Sie gehen nicht aus einer Welt der Harmonie, des Lichtes und der Ordnung in eine Welt der Schuld und der Unfreiheit, wenn Sie aus Ihrem Daseinsraum in die Gefängnisse gehen, Sie bleiben dort, wo Sie immer sind. Es wird nur für die Sinne des Leibes deutlicher, was uns immer umgibt, die Unfreiheit der Schuld, die Gefangenschaft, aus der uns nur Christi Gnade allein zur Freiheit der Kinder Gottes befreien kann.

… selbst wenn wir die Erlösten sind, selbst wenn in denen, die in Christo Jesu sind, in den Glaubenden und Liebenden, nichts Verdammungswürdiges mehr sich findet, selbst wenn der Grund unseres Wesens, seine innerste Mitte, begnadet und vom heiligen Pneuma Gottes erfüllt ist, selbst dann also … ist in uns in einer letztlich nicht auflösbaren Gleichzeitigkeit das Erbe der Vergangenheit noch da. Oder lebt in uns nicht die Begierlichkeit, ist nicht auch in uns, was in der Welt ist: Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens? Sind wir nicht die Kranken, die Triebhaften, die nur zu leicht sich selbst Betrügenden, die Egoisten, die in dieser oder jener Hinsicht (in irgendeiner leichteren Form wenigstens) Süchtigen? Wie, wenn einer käme, wenn Gott käme und nicht nur mit der kalten Unerbittlichkeit eines Psychotherapeuten, sondern mit der Unbestechlichkeit der letzten Wahrheit, welche die des Dreimalheiligen ist, uns ins Herz leuchtete, unsere Motive, unsere Haltungen, unsere Dressate, unsere versteckten und vor uns selbst durch uns verborgenen geheimen Antriebe analysierte, wenn er uns selbst nackt und bloß uns konfrontierte, so, wie wir sind, nicht so, wie wir gerne vor uns erscheinen, müssten wir dann nicht erschreckt vor diesem Richter der Herzen niederfallen: Herr, geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch; würde uns dann nicht seine Gnade, die uns heiligt, vorkommen wie etwas, das wir eigentlich gar nicht sind, müssten wir dann nicht weinend und erschüttert sagen: Das bist Du, die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe, die wie sinnlose Verschwendung Deines Erbarmens; ich aber, ich bin das nicht: ich bin der dumpf und feig in mir selbst Verfangene, ich bin jenes wirre und verwirrte Bündel von Antrieben, von Zufällen, von äußerlich über mich verfügenden Schicksalen, bei dem man nie weiß, was jetzt das Eigentliche und Echte ist, was Fassade, was Wirklichkeit, ob das Schäbige die Demut der Tugend in mir oder ob die Tugend die Verkleidung des Erbärmlichen in mir ist? Müssten wir dann nicht weinend beten: Wenn Du der Sünde, Herr, gedenken willst, Herr, wer kann vor Dir bestehen? Geh nicht mit mir ins Gericht, vom Verhohlenen in mir reinige mich! Müssten wir dann nicht erkennen und anerkennen, dass wir uns von jenen armen Sündern, die wir in den Gefängnissen besuchen, nicht sehr wesentlich unterscheiden? …

Es bleibt dabei: wir begegnen uns, wenn wir in den Gefängnissen den Gefangenen begegnen; diese halten uns unser eigenes Bild entgegen, jenes Bild, dem wir uns stellen müssen, täglich aufs neue, wenn wir für uns selbst die Gnade Gottes finden wollen, die sich nur denen gibt, die sich als Sünder bekennen und ihr Dasein nur auf eines bauen, auf die unbegreifliche Gnade Gottes, die sich der Verlorenen erbarmt.

Wir haben keine Wahl: wir gehen entweder durch die Gefängnisse wie die Pharisäer: Herr, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie einer von diesen, wie die Räuber, die Betrüger, die Ehebrecher, oder wie der Zöllner im Evangelium bei Lukas: dieser stand in der Ferne, in jener Ferne, in der unser unerlöstes Empfinden die Gefängnisse von Gott entfernt wähnt, er schlug an seine Brust und nicht an die der anderen (wie wir es gern tun bei unseren Besuchen im Gefängnis) und sagte: Gott sei mir Sünder gnädig! (Lk 18, 9 – 14.) Nur wenn wir in den Gefängnissen auftreten wie der Zöllner im Tempel, wandelt sich für uns arme Sünder das Gefängnis zu einem Tempel, von dem wir gerechtfertigt nach Hause gehen. Sonst gehen wir in das wahre Gefängnis unserer eigenen Blindheit, Verlogenheit und des Stolzes ein, dem Gott widersteht, während vielleicht diejenigen, die drinnen bleiben, die Gerechtfertigten und die vor Gott Freien sind.

Es bleibt dabei: Wir finden in den Gefangenen uns selbst, indem wir in ihnen unsere eigene verborgene Situation erblicken.

Jedes Leben und auch das heiligste Amt hat einen Todfeind: die Gewohnheit und die Routine. Ach, wir haben die Gewohnheit und die Routine nötig. Wir können nicht lange ohne sie leben. Sie macht uns vieles leichter, was sonst bald über unsere Kräfte ginge, sie mag oft die milde Narkose sein, die Gott für den Schmerz des Daseins uns gnädig gewährt hat. Aber sie ist auch der Todfeind unseres Lebens und unseres heiligen Amtes. Sie stumpft ab, sie bewirkt, dass wir weitermachen, obwohl das Eigentliche, der Geist und die Liebe, schon längst aus unseren Werken gewichen sind. .. Wir müssen diese tötende Gewohnheit immer aufs neue wie einen listigen und tödlich gefährlichen Feind bekämpfen. .. Gnade Gottes ist es, wenn seine Vorsehung Ihnen in diesem Kampf beisteht, beisteht nicht nur durch die Gnade heiliger Hirtenfreude über den, den man zur Liebe Gottes heimführen darf, sondern auch durch die spürbaren Enttäuschungen und Bitterkeiten dieses Amtes, durch alle seine Erfolglosigkeit, durch all sein Unbeachtetbleiben bei den Menschen, durch alles Zermürbende und Quälende, das mit ihm verbunden sein kann.

Wenn diese Erlebnisse, die harten und bitteren, Sie aus der Mittelmäßigkeit der Gewohnheit und Routine herauszwingen, wenn sie Sie vor die Frage stellen, was Sie eigentlich in solchem Amt suchen und erstreben, wenn sie Sie zur Besinnung zwingen über das, was Sinn und Gnade solchen Berufes ist, dann ist auch dies Gnade Gottes.

Und dieser Gnade sollten Sie, wieder in der Kraft einer leise und bescheiden kommenden Gnade, entgegenkommen, indem Sie besinnlich und betend immer wieder vor Gott erwägen, was Sie sind und wollen in solchem Beruf. Wenn Sie in solcher betender Meditation vielleicht auch erwägen, dass wir in den Gefangenen, die unserer priesterlichen Seelsorge anvertraut sind, in aller Wahrheit Christus auch für uns finden können, und, indem wir in ihnen unserer eigenen Situation wie im Spiegel und Gleichnis begegnen, an jene Demut erinnert werden, der allein Gottes Gnade verheißen ist, dann könnte aus solcher Meditation voller und ganzer jene Einheit von Beruf und Leben, von Amt und eigener Existenz sich bilden….